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Rede von Bürgermeister Koref, Linz, 1952

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Abschrift der Rede des Herrn Bürgermeisters und Nationalrates Dr. Ernst Koref anläßlich der Gedenktafelenthüllung Richard Tauber am 18.4.1952 in Linz.

Sehr verehrte Festgäste, meine Damen und Herren !

Vor wenigen Wochen erst hatten wir Gelegenheit, die Gedenktafel eines großen Linzers im Landesmuseum zu enthüllen und dadurch die Erinnerung an Andreas Reischek wachzurufen. Heute ist es wieder ein großer Linzer, dessen wir gedenken: Richard Tauber. Wie der große Forscher Andreas Reischek den Weg in die weite Welt gegangen ist und durch seine wissenschaftlichen Arbeiten und Sammlungen eine weltweite Bedeutung erlangt hat, so hat auch Richard Tauber, allerdings in einem ganz anderen Sinn, die Welt erobert und beglückt. Er ist zu einem großen Mittler österreichischer Musik in Europa und Übersee geworden und hat damit der Welt und seiner Heimat das Beste gegeben, das er geben konnte.
Richard Tauber schreibt in seinen Memoiren über seine Geburt in unserer Stadt: „Nachdem meine Kutter nach der noch glücklich zu Ende geführten Vorstellung von „Das verwunschene Schloß“ von Carl Millöcker im Linzer Landestheater in ihr bescheidenes Heim, ein kleines Hotel „Zum schwarzen Bären“ gebracht wurde, betrat ich laut schreiend am 16.Mai 1892 die Weltbühne“. Diese Notiz gibt uns einen erschütternden Einblick in die sozialen Verhältnisse der Schauspieler von damals und in das ärmliche Los, das Richard Tauber bestimmt war. Seine Mutter, Elisabeth Denemy, war die Tochter eines kleinen Wiener Theaterdirektors und fristete als Operetten-Soubrette an verschiedenen österreichischen Provinzbühnen ihr Leben. Da sie genötigt war, ihren Beruf nach der Entbindung sobald als möglich wieder aufzunehmen, kam Richard Tauber nach der Taufe, die in der Linzer Familienpfarre beurkundet ist, in ein Bauernhaus, vermutlich an der Donau in Urfahr.
Der aussereheliche Kindesvater war damals am Prager Deutschen Theater engagiert, traf aber kurz nach der Geburt seines Sohnes in Linz ein, wo er, wie er selber erzählte, nach einer Fahrt mit dem Einspänner über die Linzer Donaubrücke den kleinen Richard in einem ländlichen, armseligen Milieu auffand. Er nahm seinen Sohn nach Linz und traf im Verein mit der Kindesmutter Vorkehrungen für die weitere Pflege und Erziehung des Kindes. Im September 1897 wurde Richard Tauber in die 1.Klasse der Volksschule auf der Spittelwiese als Schüler eingetragen. Seine Mutter hatte schon damals geheiratet.Sie hieß Elisabeth Seyfferth und übersiedelte nach Salzburg. Richard Tauber aber kam zu seinem Vater nach Prag und teilte fortan das unstete Schauspielerleben seines Vaters. Über Berlin kam er nach Wiesbaden, wo er sich nach einigen Klas sen des dortigen Realgymnasiums der Künstlerlaufbahn verschrieb.
Richard Taubers Vater war inzwischen königlichpreußischer HofschauspjeLer in Wiesbaden geworden und ließ die Stimme seines Sohnes bei seinem Freund, dem berühmten Wiener Hofopernsänger Demuth, prüfen. Dieser erklärte allerdings, Richard Taubers Stimme sei so dünn wie ein Zwirnsfaden. Als der Generalmusikdirektor der königlichen Hofoper in Wiesbaden, Professor Schlaar, das gleiche Urteil fällte, wechselte Tauber vom GesangsStudium auf das Dirigentenstudium und die Kompositionslehre. Tatsächlich wird Richard Tauber auch Dirigent. In seinen Memoiren verzeichnet er, dass er 200 mal als Dirigent aufgetreten ist. Ausserdem ist eine von ihm komponierte Operette unter dem Titel „Der singende Traum“ erhalten. Nach der Heirat seines Vaters im Jahre 1910 kommt er allein nach Freiburg im Breisgau, wo er auf den heute noch in Darmstadt lebenden Gesangspädagogen Professor Carl Beines stößt, der erkennt, daß Richard Taubers Stimme bisher falsch behandelt wurde und aus ihm in zweijährigem konzentrierten Studium den berühmten Mozartsänger macht, als den wir Richard Tauber in der ersten Zeit seiner Karriere kennen lernen.
1913 wird Richard Tauber an die königlich-sächsische Hofoper nach Dresden engagiert. Fünf Jahre lang, bis 1918 singt er in Dresden, in inniger Freundschaft verbunden mit dem Tenor Tino Pattiera,der heute in Wien lebt, und der Sängerin Elisabeth Rethberg, die zum berühmten Star der New Yorker Metropolitan Oper wurde.
Die New Yorker Metropolitan Oper besitzt eine Bildergalerie, in der die Paträts ihrer berühmtesten Stars in Überlebensgröße bewahrt werden. Auch das Porträt Richard Taubers ist in dieser Ehrengalerie der New Yorker Metropolitan Oper kürzlich zwischen den Porträts von Caruso und Gigli aufgehängt worden.
1923 kam Richard Tauber durch seinen Vetter Max Tauber, seinen späteren selbstlosen und begeisterten Manager, den wir heute in unserer Mitte begrüßen dürfen, aach Wien und wurde von Franz Schalk an die Wiener.Staatsoper engagiert, wo er namentlich als Mozartsänger seine ersten Triumphe feierte und mit Maria Jeritza, Lotte Lehmann und’Jarmila Nowotna sang.
Im Frühjahr 1924 spricht Richard Tauber bei einer Jause im Wiener Prater mit dem damaligen Direktor des Theaters an der Wien, Wilhelm Karezag, der ihm den Vorschlag macht, in einer der neuen Lehar-Operetten aufzutreten und ihm für zwei Abende soviel Honorar bietet,, wie die Monatsgage an der Oper ausmachte.
Richard Tauber singt in Lehars „Frasquita“ und wird allmählich der große Lehar-Sänger. Franz Lehar findet in Richard Tauber den idealen Interpreten seiner Lieder und bald macht die österreichische Musik mit Franz Lehar als Komponisten und Richard Tauber als Interpreten ihren Siegeszug um die ganze Welt. Mit Hilfe der modernen Technik – durch Schallplatte, Tonfilm und Radio – erlangt, abgesehen von Konzerttourneen und Gastspieltourneen in alle fünf Erdteile, Richard Tauber eine Popularität, wie selten ein Sänger vor ihm. – Längst ist er im Ausland ein Begriff – besonders seit er auch im Tonfilm als Sänger und Darsteller international bekannt geworden war – , aber immer wieder zieht es ihn in die Heimat seiner ersten Kinheitstage. In Bad Ischl wohnt er Jahre hindurch im Sommer in einem Haus neben der Villa Franz Lehars, mit dem ihn eine innige Freundschaft verbindet. In Oberösterreich entstehen jene Lehar-Tauber-Lieder, die die Welt erobern, wie „Gern hab ich die Frauen geküßt“ u.a.

Im Jahre 1929 wird Richard Tauber durch die unglücklich verlaufene Behandlung einer eitrigen Angina am ganzen Körper gelähmt und kann nach einem halben Jahr Kuraufenthalt in Pistyan erst allmählich auf der Bühne wieder auftreten. In dieser Zeit schwerster, schicksalhafter Belastung tritt eine Verinnerlichung seiner Gesangskunst ein, die der englische König Georg V. nach einem Konzert Taubers in der Londoner Albert Hall in die Worte fasste: „Sie singen nicht mit dem Kehlkopf, sondern mit der Seele!“.

1933 führte die Schicksalswege Richard Tauber, der eine Engländerin geheiratet hatte, nach London. Obgleich er als römisch-katholisch getaufter Sohn einer selost nach NS-Ansich-ten arischen Mutter in Deutschland weiter hätte auftreten können und auch ein von Dr.Goebbels persönlich unterzeichneter Brief in einem Schweizer Depot hinterliegt, der Richard Tauber ersucht, wieder in Deutschland aufzutreten, bleibt Richard Tauber, den auf der ganzen Welt nichts anderes interessiert als die Musik, im Ausland, wo er am 8.Jänner 1948 nach einer Operation an Lungenkrebs stirbt.

Damit versank ein Künstlerleben, das sich im Dienst an den Mitmenschen aufgerieben hatte, aus bescheidenen Verhältnissen, die ihm sogar die Geborgenheit bei der Mutter, die er zeitlebens innig liebte, nur in geringem Ausmaße gestatteten, rang sich ein künstlerisches Talent empor, das trotz allem anfänglichen Broterwerbes in der hohen Menscheitskunst gipfelte. Mit dem Schlagertext „Ich hatte einen Kleinen Zinnhusar“ verdiente Richard Tauber im Jahre 1897 nach seinem eigenen Eingeständnis das erste Geld in Linz, indem er von den Zuhörern pro Person zehn Heller einkassierte. Von hier bis zum international gefeierten Sänger war ein weiter Weg. Durch persönliche Not, durch Krankheit und durch das von der Heimat Ferngehaltensein ließ sich der Künstler nicht unterkriegen; er wandte sich vielmehr nur noch mehr seiner Kunst’ünd je erläuterter und verinnerlichter ihn sein Lebensschicksal machte, desto geläuterter und verinnerlichter wurde auch seine Kunst, mit der er die Menschen beglückte.

Wir haben heute Anlaß, des 60.Geburtstages des Künstlers zu gedenken.. Richard Tauber ist nicht mehr unter uns, aber seine Kunst und seine Stimme leben noch und sind heute noch imstande, die Zuhörer mitzureißen. Zum Gedächtnis daran, daß dieser große Sänger und Interpret österreichischer Musik in Linz das Licht der Welt erblickte, hat die Stadt Linz eine bescheidene Gedenktafel an seinem Geburtshause anbringen lassen, die wir nunmehr enthüllen. Möge sie den Heimischen und Fremden, die hier vorübergehen, Kunde geben von der Kunst und dem Leben Richard Taubers zur Erinnerung an seine Kunst und zur Ehre unserer Stadt.