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“ M i g n o n“ in Chemnitz 1914

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Rezension zum Gastspiel in Chemnitz im Januar 1914

Neues Stadt-Theater

“ M i g n o n“ Oper von A. Thomas Gastspiel Dresdner Künstler.

3o. Januar 1914.

Das Theater war fast ausverkauft. Beweis dafür, daß unser Publikum Gastspielen ein reges Interesse entgegenbringt, daß es sich von solchen Veranstaltungen besondere künstlerische Genüsse verspricht. Wenn sich ein Teil der Zuhörer nur zwei-, dreimal in seinen Hoffnungen so getäuscht sieht, wie es diesmal der Fall war, dann ist es allerdings schnell mit dem Interesse vorbei, und der Direktion schwimmen die Felle weg. Gastspiele, die nicht auf ein Engagement abzielen, sollen doch Glanzpunkte der Saison bedeuten, die Künstler müssen von Ruhm und wirklicher Bedeutung sein, die in gewissen Rollen direkt Vorbildliches leisten, neue Anregungen geben, die sich als Führer sofort an die Spitze des Ensembles setzen können. Davon war diesmal nichts zu spüren. Wenn sich die Direktion darauf beschränkt, Gäste zu bitten, deren Leistungen noch nicht einmal das Durchschnittsniveau, das hier erreicht wird, berühren, Gäste, die sich von Frl. Schütz , die an diesem Abend die weitaus beste Figur auf die Bühne brachte, in den Schatten stellen lassen müssen, dann übersieht sie, daß unser Publikum nicht derart anspruchslos zu sein nötig hat, daß über die Eigenart wirklicher Gastspiele andere Anschauungen herrschen. Es steht für mich außer jedem Zweifel, daß – sofern nur unser Ensemble komplett wäre! – wir solche Aufführungen mit eigenen Kräften mindestens so, wenn nicht besser herausbringen können, wenn Herr M a l a t a immer so auffrischen wollte, wie er’s diesmal getan hat.

Ich sage nichts überraschendes, wenn ich meine rein persönliche Meinung aussprechend begründe: Ich bin von den Leistungen der Künstler aus der Residenz nicht sonderlich entzückt. Frl. M e r r e m und die Herren Tauber und Dr. Staegemann haben als Künstlerköpfe gemeinsame Züge – sie sind:’Werdende, die redlich dem Ziele zustreben, bei ihnen herrscht Intelligenz und künstlerische Einsicht vor, der Geist ist also willig, das Fleisch aber schwach, d. h. in diesen Fällen, daß die stimmliche Begabung nicht reich genug ist, um gute, fein durchdachte Absichten verwirklichen zu können, endlich fließt in ihnen nicht das richtige Theaterblut, jene instinkte Regung, die im Augenblick den Ausdruck findet, die Nuance trifft, elementar wirkt. Es ist immer peinlich zu sehen, wie hohe Intelligenz sich mühsam den Weg bahnt, den wirkliche Befähigung mitunter fast unbewußt, leicht beschwingt wandelte.

Frl. Grete M e r r e m bot eine M i g n o n , die schauspielerisch von guten Qualitäten war , musikalisch, gesanglich nicht über- das Mittelmaß herauskam. Die Stimme ist zweifellos sympathisch, es fehlen ihr aber Durchschlagskraft in der Höhe und völlige Ausgeglichenheit. Die Tonbildung ist nicht in allen Lagen frei, der Ton ist in der Höhe zu gaumig, dort selbst dünn, charakterlos.

Herrn Hofopernsänger Tauber bewundere ich wegen der Schnelligkeit, mit der er sich auf den Brettern heimisch gemacht hat, daran zu glauben, daß er auf den von ihm betretenen Wege seine nicht allzu reichlichen stimmlichen Mittel zur vollen Entfaltung bringen kann, das vermag ich auch heute noch nicht. Ich brauche die öfters geäußerten Einwendungen nicht zu wiederholen. Mehr Freude macht es mir schon, darauf hinweisen zu können, daß Herr Tauber über eine ganz ausgezeichnete musikalische Intelligenz verfügt, daß einzelne Züge vortrefflich nachgezeichnet wurden. In der Gesamtauffassung weiche ich allerdings nicht unerheblich ab. Mir war Herr Tauber oft zu larmoyant, und ich meine, man soll die triefende Sentimentalität dieser Musik nicht noch unterstreichen.-

H err Dr. Staegemann besitzt eine kleine, nicht sonderlich umfangreiche Baritonstimme von tenoraler Färbung; er arbeitet mit seiner Mitteln außerordentlich geschickt, und man könnte ihm öfters zustimmen, wenn er weniger die musikalischen Phrasen zerreißen würde.