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Karteikarte Nummer 19 548 Betr. Richard Tauber, Tenor

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Karteikarte Nummer 19 548 Betr. Richard Tauber, Tenor

Zwei Eintragungen vorweg: Unter den Daten 15.März 1915 und 13„0ktober 1915 finden wir in Richard Taubers Personalkarten des ehemaligen Königlichen Opernhauses und späterer Preußischer Staatsoper Berlin, folgende Notate vor: „(Tauber – A.D.) möchte mal gastieren, als José, Lieblingspartie Turridu etc. für 2oo Mark.“ “ Möchte ab Herbst 1916 als lyrischer und Spieltenor beschäftigt werden. Sohn des Theater -direktors in Chemnitz. – – Die vorgedruckte Rubrik „Entscheidung“ vermeldet darauf unter dem 14.0ktober 1915, Journal-Nummer 57o6/2: “ Ablehnen. (Chef)“.
Dieser Chef hieß damals Georg von Hülsen-Häseler, seine künstlerischen Entscheidungen galten bei Hofe als verbindlich. Doch Richard Strauß, seinerzeit Musikchef Unter den Linden, schien anderer Meinung als sein Intendant zu sein. Der Registrator vermerkt auf der Karte: „Dr.Strauß schlägt vor, ihn als „Bachus“ („Ariadne auf Naxos“) zu holen. Dieser Vorschlag geht auf ein Gastspiel Taubers in dieser Partie unter der Leitung von Strauß zurück. Die Honorarspalte weist für dieses Gastspiel wirklich 2oo Mark aus. In der Folgezeit scheint der Theateragent Frankfurter des öfteren Richard Tauber für ein Festangagement an die Oper vorgeschlagen zu haben. Allerdings ohne Erfolg, denn wir finden im Jahre 1918 auf unserer Karte folgende Eintragung: „Reflektieren nicht auf Tauber.“ Im Jahre 1919 hat dieser dann zweimal in Berlin gastiert. Am 23. Oktober als „Alfred“ in La Traviata“ „und am 25.Oktober als „Almaviva“ in „Der Barbier von Sevilla“. Das Abendhonorar war allerdings von 2oo Mark bereits auf 5oo Mark angestiegen. Doch nach wie vor will man ihn nicht fest engagieren. Man schreibt an Frankfurter: „… betreffs Taubers zu hohen Forderungen und Anspruch auf ausschließlich erstes Fach . . .

Konstellationen im Tenorfach würden auch bei erfolgreichen Gastspielen nicht zum Engagement führen können. Als Gast gern heranziehen.“ Im Jahr 1920 scheint Tauber in der Staatsoper nicht gastiert zu haben, erst unter dem 28.Mai und 2.Juni 1921 finden wir zwei weitere Gastspiele verzeichnet. Er sang den „Don José“ in „Carmen“ und den „Rudolf“ der „Bohème.“ Leo Blech dirigierte und diktierte folgende Beurteilung: „Sehr talentvoll, hübsche Stimme, ausgesprochenes Bühnentalent. Höchst musikalisch, zu Gastspielen stets heranziehen.“ Und was steht in der Gagenliste? 1500 Mark pro Abend stehen darin. Wiederum fragt er nach festem Engagement an, man geht nicht darauf ein. Trotz der Feststellung, die Oberspielleiter Holy nach der Carmen-Aufführung traf: “ Vorzügliche Leistung. Stimme hat an Volumen gewonnen, ist weich auch im Forte-Piano von großem Reiz. Darstellerisch weit über Durchschnitt. Wäre ein Gewinn für uns.“

Doch vorläufig ließ man sich diesen Gewinn noch entgehen. Unter den Dirigenten Blech, Stiedry, Ehrenberg, Urak, Meyrowitz, singt Tauber, der inzwischen von Dresden nach Wien abgeschlossen hatte, nach wie vor als Gast in Berlin sämtliche lyrischen und jugendlich dramatischen Tenorpartien der Opernliteratur. Allerdings beträgt seine Abendgage nunmehr 2000 bzw.2500 Mark zuzüglich Reiskosten. Und nun berichtet unsere Kartei ein Stückchen Politik und Sängerregozentrik zugleich: „27.XI.1921, José – Carmen wegen Lichtstreik ausgefallen. Beanspruchte volles Honorar“.

„Fragt an, ob auf ihn wieder reflektiert wird“, lautet eine weitere Notiz. Die Antwort auf diese Frage lautete: „Wird auch 22/23 zu Gastspielen eingeladen, und zwar 5 Abende in der ersten und 5 Abende in der zweiten Hälfte der Spielzeit. Abendhonorar 5000 Mark, falls in Erstaufführungen zu beschäftigen. Nun singt er: Tamino, Cavaradossi, Pedro, Ottavio (eine seiner schönsten Partien) und bringt von Wien auch seinen berühmt gewordenen Eisenstein auf die Staatsopernbretter, Die Gagenliste weist andere Zahlen aus: Die Abendhonorare betragen im Schnitt 425000 Mark. Die Inflation war gekommen. Am 12.April 1923 verzeichnet unsere Kartei folgende Bemerkung: „Bat um Honorarerhöhung auf 150 Goldmark. Zwei Tage darauf, am 14.April 1923 schreibt der Chronist: „Abgelehnt, da Kasse noch nicht so groß.“ Nun folgt eine entscheidende Notiz des damaligen Oberspielleiters Dr. Franz Ludwig Hörth aus jenen Tagen: „Kein Verbot, würde aber davon abraten.“ Diese Notiz stammt vom 6.Mai 1923. Worauf bezieht sie sich ? Kurze Zeit zuvor hatte Tauber der Opernleitung mitgeteilt, daß er Operetten-Angebote erhalten habe und wie sich dementsprechende Gastspiele zu seinen Opernverträgen verhalten würden. Über den Verlauf dieser Verhandlungen sind wir leider nicht informiert. Bekannt ist jedoch, daß Tauber im Jahre 1928 anläßlich der Wiedereröffnung des damals umgebauten Opernhauses unter Kleibers Stabführung den Tamino sang, und daß er dann mindestens für eine Spielzeit dem Institut fest angehört haben muß. Über diese Zeit existieren bedauerlicherweise keine Eintragungen. Die letzte, mit Bleistift niedergeschriebene Bemerkung heißt kurz und bündig: „Ging zur Operette, 1931.“
Ging zur Operette ! – Ob das Jahr 1931 das entscheidende Jahr war läßt sich heute, da wir keine weiteren Materialien besitzen, schwer mit Bestimmtheit behaupten. Mir will aber scheinen, daß Taubers große Operettenerfolge bereits vor diesem Datum liegen. Zwischen 1925 und 1931 datieren „Paganini“, „Der Zarewitsch“, „Friederike“, „Land des Lächelns“ und „Schön ist die Welt“, liegen die Partnerschaften mit Fritzy Massary, Vera Schwarz, Gitta Alpar, Käthe Dorsch. Möglich ist, daß er im Jahre 1931 den Exklusivvertrag mit den Gebrüdern Rotter abgeschlossen hatte.

Worin bestand die Größe Taubers ? Aus berufenen Quellen zitierten wir verschiedene Meinungen, ich denke aber, daß man noch einige Worte hinzufügen muß. Es war die einmalige Weichheit, das samtene Timbre dieser in allen Registern gleich schön klingenden Stimme. Es war ferner die so selten anzutreffende Übereinstimmung zwischen Gesang und Darstellung. Und es war nicht zuletzt die souveräne Bühnensicherheit, die diesen Sänger-Schauspieler auszeichnete. Dabei war er aber nicht nur Theatermensch, nein, man mußte ihn deutsche Volkslieder, mußte ihn Schubert singen gehört haben, um zu verstehen, was Liedgesang bedeutet. Gut, wir wissen, es gab auch Mätzchen bei ihm, { Das „Tauberschmalz !“), Tenoreitelkeiten, menschliche Schwächen. Ist es ein Zufall, daß der aus Deutschland und Österreich Vertriebene und in England heimisch gewordene Sänger als seine letzte Partie im Londoner Cvent-Garden-Opera-House Mozarts Ottavio aus dem “ Don Giovanni “ sang? Jene Partie, der er eine Innigkeit, menschliche Größe und eine Belcanto-Seligkeit verlieh, die einmalig genannt zu werden verdient.

Einmalig allerdings erscheint mir auch, was in den spärlichen Publikationen, die wir über Tauber besitzen, zu lesen ist. So läßt ihn Otto Schneidereit in seinem “ Operettenbuch “ im Jahre 1891 auf die Welt kommen und im Jahre 1947 sterben. Die „Kleine Enzyklopädie Musik“ dagegen gibt die Jahreszahlen 1892 und 1948 an. Wie sang doch dagegen einstens der Gefeierte ?

“ Lächeln, immer nur lächeln …“