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Generalintendant Tauber schlägt mit dem Stock

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Dresdener Neueste Nachrichten vom Sonnabend, den 19. Januar 1929
Kleines Feuilleton
Generalintendant Tauber schlägt mit dem Stock

Aus Chemnitz wird uns geschrieben: über Theaterfragen wurde gestern abend in einer Sitzung der städtischen Kollegien debattiert. Als nach der dreistündigen Debatte die meisten Besucher des Stadtverordnetensaales die Tribünen verließen, griff in den Parterreräumen des Rathauses Generalintendant Tauber den Chefredakteur Maushagen des “ Chemnitzer Tageblattes “ tätlich an. Er schlug mit seinem Spazierstock über den Kopf, wodurch die Augengläser des Angegriffenen in Trümmer gingen. Chefredakteur Maushagen entwand dem Gerneralintendanten den Stock. Gerneralintendant Tauber warf sich darauf in seiner Aufgeregtheit auf den Boden, raufte sich das Haar und jammerte: „Wie konnte ich das nur tun !“ Die Angelegenheit dürfte noch ein weiteres Nachspiel haben.
Anlaß zu diesem unglaublichen Temperamentsausbruch des Generalintendanten Tauber waren Angriffe, die von der gesamten Chemnitzer Presse kamen. Man warf ihm seine merkwürdige Bevorzugung der Werke Lehárs vor, die wohl einem Einfluß des Sohnes, des Kammersängers Richard Tauber zuschreiben seien. Man warf ihm sogar Korruption vor und verlangte gerichtliche Untersuchung der Angelegenheit. Im übrigen sei das Chemnitzer Theater- und Konzertleben verstaubt und veraltet, Generalintendant Tauber, der doch ein alter Theaterfachmann ist, hätte andere Wege finden müssen, auf die Debatte des Chemnitzer Stadtparlaments zu erwidern. Denn die Politik der Stockschläge ist nicht gerade Ausdruck eines künstlerischen Gewissens.