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Die Wechselwirkung: Schallplatte und Film

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Hans Wollenberg
in: Film und Ton (Wochenbeiblatt der Licht-Bild-Bühne), 1.2.1930.

Die Wechselwirkungen, die sich aus dem Schallplattengeschäft und dem Tonfilm ergeben, werden bei uns längst noch nicht in ihrer vollen Bedeutung erkannt und sind daher durchaus noch nicht so systematisch ausgebaut worden, wie es im Interesse der Produzenten, Verleiher und Theaterbesitzer der Tonfilmproduktion möglich wäre. Man wird sich in allen Kreisen des Films darauf einzustellen haben, das Schallplatten-Geschäft künftig sehr aufmerksam zu beobachten und die aus dem Studium gezogenen Lehren praktisch und planmäßig zu verwerten.
Am 3. Februar wir Richard Taubers erster Tonfilm ICH GLAUB‘ NIE MEHR AN EINE FRAU seine festliche Uraufführung im Capitol erleben. Hat man sich in der Filmbranche schon einmal klargemacht, daß im ganzen deutschen Schallplattengeschäft die Platten mit Richard Tauber den denkbar größten Absatz finden? Wenn aber heute Tauber der bei weitem beliebteste deutsche Schallplattensänger ist wenn es feststeht, daß der Umsatz mit Tauber-Platten den aller anderen Schallplatten erheblich übertrifft, so muß man schließen, daß das Publikum nicht minder den Wunsch haben wird, gerade Richard Tauber im Tonfilm zu hören und zu sehen, wie es ihn auf der Schallplatte bevorzugt.
Man erinnert sich, daß vorige Weihnachten die Richard Tauber-Platte »O Mädchen, mein Mädchen« bei millionenfachem Absatz einfach ausverkauft war. Man weiß, daß zurzeit Platten wie »Schöner Gigolo«, von Tauber gesungen, geradezu rasend abgesetzt werden. Es scheint uns nicht ausreichend, aus derartigen Tatsachen rein theoretische Schlüsse zu ziehen, sondern die kaufmännischen Konsequenzen bis zu Ende durchzudenken.
Drei Platten aus dem ersten Tauber-Tonfilm sind jetzt bereits bei Lindström herausgekommen: »Übers Meer, übers Meer«, das »Mutterlied« und der von Tauber selbst komponierte Titelschlager »Ich glaub‘ nie mehr an eine Frau«. Schon heute beginnen diese Platten, ausgezeichnet durch jenen eigenen gefühlsgesättigten Reiz, dem Taubers kultivierte Stimme ihre besondere Popularität verdankt, für den Tonfilm als Schrittmacher zu wirken.
Weshalb wir aber dieses Beispiel hier heranziehen und worauf es uns ankommt, ist unsere Auffassung, daß diese Möglichkeiten gegenseitiger geschäftlicher Förderung von der Filmindustrie in ganz anderer Form realisiert werden müssen. Muß man immer wieder daran erinnern, daß die amerikanische Tonfilm-Industrie diese Verflechtungen längst erfaßt und durch Interessen-Gemeinschaften wie Paramount/Columbia oder Warner Brothers/Harms-Verlag dokumentiert hat? Wann werden unsere Tonfilm-Fabrikanten die systematischen Ausnutzungs-Möglichkeiten, die in der Komposition von Tonfilm-Schlagern und in der Verwendung von Tonfilm-Sängern liegen, mit wachem und konstruktivem Geist ausbauen?
Gewiß sind schon einige der bisher erschienenen Tonfilm-Schlager auf dem Schallplatten-Markt erschienen. Man darf feststellen, daß die Ufa z.B. planmäßig vorgegangen ist, und einige Schlager, vor allem »Bin kein Hauptmann, bin kein großes Tier« aus »Melodie des Herzens« erfreuen sich schon zweifelloser Beliebtheit. Daß hier aber im allgemeinen noch sehr viel auszubauen ist und die Möglichkeiten noch längst nicht allgemein und in ihrer vollen Reichweite erfaßt sind, liegt klar zutage.