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„Das Glöckchen des Eremiten“ im Hoftheater Gera 1913

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Zwie Rezensionen des Gastpiels in Gera im April 1913

Fürstliches Hoftheater
Gera, den 25. April 1913

Das Glöckchen des Eremiten.
Komische Oper in 3 Akten von Aimé Maillart. ( Gastspiel des Opernensembles vom Stadttheater Chemnitz)

Sehr gern hätten wir, einer früheren Ankündigung gemäß, den “ Barbier von Bagdad“ von Peter Cornelius gehört. Betrübende Ereignisse haben den Genuß uns vereitelt. Dafür erklang „Das Glöckchen des Eremiten“, eine Oper, die wir hier schon gehabt haben, der man aber ihrer freundlichen Melodien wegen immer wieder einmal gern begegnet. Sie stammt übrigens aus derselben Zeit wie der „Barbier“ von Cornelius. Die Jahre 1856 und 1858 bezeichnen die Daten der Erstaufführungen. Das Schicksal der beiden Kunstwerke ist allerdings sehr verschieden gewesen. Die Oper des Franzosen trat, wie man zu sagen pflegt, einen Siegeszug an und fand überall einen unbestrittenen Erfolg. Das deutsche Werk ist zu Lebzeiten seines Schöpfers nur ein einziges Mal gegeben worden und zwar in Weimar unter der Leitung von Franz Liszt. Kunstfreunden ist es eine leidige Erinnerung, daß die Oper einem Theaterskandale zum Opfer fiel. In den letzten Jahrzehnten haben sich alle Bühnen der ernsten Muse Peter Cornelius angenommen. Und man darf mit Freuden feststellen, daß das Werk außer seiner historischen Bedeutung einen hohen Gegenwartswert erlangt hat. Hoffentlich wird uns sein Genuß noch vergönnt.
Was die gestrige Vorstellung betrifft, so ist schon betont worden, daß man dem liebenswürdigen Können des Meisters Maillart (1817-1871) gern und willig Gehör schenkt. Er gibt uns Melodienfülle und einen feinen, nicht selten wirklich poetischen Aufbau, die tragischen Akzente fehlen nicht, während die Bächlein eines ainheimelnden Humors rinnen. An den Text darf man keine scharfe Sonde legen, wenn man gerechterweise auch sagen muß, daß er bei weitem noch schlechtere Konkurrenten hat. Der Inhalt darf als bekannt vorausgesetzt werden. Bei dem Versuch, einen kurzen Bericht über den gestrigen Abend zu verfassen, wird der wohlige Hachklang einer guten Aufführung . lebendig. Der Totaleindruck ist mir auch heute in der Erinnerung sehr erfreulich. Man darf annehmen, daß die ausgezeichnete, sichere musikalische Leitung des Herrn Oscar Malata in erster Linie dafür verantwortlich zu machen ist. Es kann gar kein Zweifel darüber bestehen, daß am Dirigentenpult gestern eine sehr bemerkenswerte Kraft tätig war. Orchester und Bühne folgten den ruhigen und beherrschenden Winken des Herrn M a l a t a vorzüglich. Besonders muß vermerkt werden, daß die Chöre sehr gut zum Gelingen des Ganzen beitrugen, so gut, wie wir es bei sonstigen Gastspielen nichth’ufig erlebt haben. Auch die Vertreter der Einzelrollen verdienen durchgehends Lob. Die Hauptperson ist Rose Friquet, die arme Bäuerin. Fräulein Emmy Merkel bemühte sich mit Erfolg, uns die Gestalt der Rose glaubhaft und lieb zu machen. Sie spielte munter und firisch, ihre Sopranstimme, die wohlgeschult ist, hielt wacker durch. Eine recht erfreuliche Bekanntschaft war uns Herr Bichard Tauber , der den Sylvain, Roses Liebhaber, gab. Er besitzt einen außergewöhnlich angenehmen lyrischen Tenor, dazu eine nicht geringe Kunst, zu singen. Das Spiel mochte wohl hier und da noch zu wünschen übrig lassen; im ganzen erregte der Künstler aber eine sehr günstige Meinung. Der Beifall, der gestern verschiedene Male bei offener Szene einsetzte, galt zu einem wesentlich Teil Herrn Tauber. Die Liebesszene zwischen ihm und Rose war von beiden Partnern aus eine schöne und feine Leistung.
Den Quartiermeister Belamy spielte Herr Hans Kreutz lebhaft und mit kräftiger Baritonstimme, die in der Höhe wohl manchmal nicht recht flüssig, sonst aber sympathisch und eindrucksvoll war. Auch Herr Bozo Miler stellte mit seinem Pächter Thibaut eine gute Charakterfigur auf die Bühne. Seine Prau Georgette fand in Fräulein Gertrud Kahnt eine hübsche und flotte Verteterin. Die kleinere Rolle als Prediger wurde von Herrn Paul Walther-Schäffer mit Ausdruck und schöner Stimme dargestellt. Der Dragoner des Herrn Carl Pascal sei wegen seiner blitzhaften aber komischen Erscheinung lobend erwähnt. Den Dragonerleutnant verkörperte Herr Alwin V o g l. Herrn Walther Schäffer sei als Leiter der Aufführung Anerkennung ausgesprochen. Unsere Chemnitzer Gäste können mit dem Erfolg der gestrigen Vorstellung zufrieden sein. Das Publikum dankte häufig durch lebhaften Beifall, der in jeder Weise berechtigt war.

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Fürstliches Hoftheater

„Das Glöckchen des Eremiten. Komische Oper in 3 Akten nach dem Französischen von Lackroy und Cormon. Deutsche Bearbeitung von G. Ernst. Musik von Aimé Maillart Gastspiel des Opern-Ensembles vom Stadttheater in Che mmitz, Direktion: Tauber.

Maillarts Oper “ Des Dragons de Villars“, in Deutschland allgemein bekannt unter dem Titel „Das Glöck-chen des Eremiten“, gehört nicht zu den Kunstwerken ersten Ranges – dazu ist sie zu anspruchslos – aber infolge, ihrer Fülle reizendster Melodien und ihrer überströmenden Keckheit zu den beliebtesten Spielopern, die uns das neunzehnte Jahrhundert beschert hat. Sie ist von den sechs Opern Maillarts die einzige, die sich dauernd auf dem Spielplan der Opernbühne, insonderheit auf der deutschen Opernbühne, gehalten hat. Eine Aufführung des „Glöckchen des Eremiten“ wird daher von dem musikliebenden Publikum überall mit Freuden begrüßt. Das ist auch gestern bei uns der Fall gewesen. Das Publikum, das allerdings zahlreicher hätte erscheinen können, bereitete dem liebenswürdigen Werke und den Chemnitzer Gästen eine warme Aufnahme und kargte in keiner Weise mit Beifallsbezeugungen. Die Kritik kann sich mit dem gespendeten Beifall nur einverstanden erklären. Die Oper ist in durchaus lobenswerter Weise zur Aufführung gekommen.

Der Hauptanteil des Beifalls gebührt ganz zweifellos dem musikalischen Leiter der Aufführung Herrn Kapellmeister Oskar M a l a t a. Schon die Ouvertüre zeigte mit aller Deutlichkeit, was für den Abend von Herrn M a l a t a und der unter seiner Leitung stehenden Fürst lichen Kapelle zu erwarten war. Sie wurde mit einer staunenswerten Exaktheit und glanzvollen Tongebung zu Gehör gebracht. Besonderes Lob verdienen diesmal die Blechinstrumente, denen Maillart eine nicht unbedeutende und schwierige Aufgabe gestellt hat; es ist mit einer ungemein erfreulichen Reinheit und schöner Klangfülle geblasen worden. Auch die Streichinstrumente lösten die ihnen gewordene Aufgabe in prächtiger Weise, vornehmlich auch da, wo sie die Begleitung dezent und zart auszuführen hatten. Dem Orchester kann attestiert werden, daß es mit freudiger Hingabe der sicheren und taktvollen, jeder unnötigen Mätzchen und persönlichen Attitüden entbehrenden Führung des Herrn Malata folgte. Die Fürstliche Kapelle und Herr Malata boten für den Musikverständigen und Musikfreund einen vollkommenen, durch nichts gestörten Genuß.

Auch auf der Bühne war man, wie man zu sagen pflegt, ganz bei der Sache. Die Darsteller und Darstellerinnen boten durchweg gute, den Anforderungen des Komponisten im Großen und Ganzen sehr wohl entsprechende Leistungen.

Frl. Emmy Merkel wurde der Rolle der Rose Friquet gesanglich und schauspielerisch in sehr ansprechender Weise gerecht. Sie hat gut und frisch gesungen und ebenso gespielt. Besonders gut gelangen ihr das kecke Auftrittslied „Hopp, hopp, reizendes Tierchen“, das große Duett mit Sylvain im zweiten Akte „Ich bin hübsch? das hat mir niemand noch gesagt“ und die Arie “ Er liebt mich, o süßes Wort“ mit der reizenden Stelle“ Ja, ich bin’s , der er will geben seine Lieb‘ fürs ganze Leben. Wie uns Frl. Merkel mitteilt, scheidet sie aus dem Chemnitzer Opernensemble aus, um in den Verband der Königlichen Hofoper Kassel einzutreten. Unsere besten Wünsche begleiten sie für ihr zukünftiges künstlerisches Wirken.

In Herrn C. Richard Tauber, der den Sylvain sang, stand Frl. Merkel ein ungemein stimmbegabter Partner zur Seite. Herr Taub er verfügt über einen vollen, prächtig klingenden Tenor und über eine gute Schule. Schon die erste Romanze „0, schweige Still“ gelang gut und nahm die Hörer unwillkürlich für den noch jugendlichen Sänger ein. Prächtig klang sein Lied „Wie schön ist die Zeit“ im 2. Akte, und in dem großen Duett mit Rose Friquet führte Herr Tauber seinen Part mit Bravour und anerkennenswertem Gelingen durch. Im letzten Akt, da Sylvain Rose von sich stößt und den Bauern erzählt, daß Rose die Flüchtigen um schnödes Geld verraten habe, reichte Herr Tauber stimmlich nicht mehr aus. Als Schauspieler muß Herr Tauber noch sehr viel lernen und namentlich freier und temperamentvoller werden. Herr Hans Kreutz hat den Belamy gut und mit Bravour gesungen und befriedigend gespielt. Der Bariton des Herrn Kreutz klingt männlich und schön und ist auch gut geschult. Das zeigte sich besonders bei dem Liede “ Wenn man beim Weine sitzt“; ein plötzlich auftretender Versager in der Stimme konnte von Herrn Kreutz dank seiner guten Schule in eine Weise cachiert werden, die Anerkennung verdient. Die Maske des, Herrn Kreutz wollte mir nicht gefallen.

Gertrud Kahnt fand sich mit der heiklen Rolle der koketten Georgette gesanglich in befriedigender Weise ab, als Schauspielerin konnte sie nicht fesseln.
Der Thibaut hatte in Bozo Miler einen Vertreter gefunden, der den heimtückischen Charakter des geizigen und eifersüchtigen Pächters recht gut zur Geltung brachte.
Paul Walther-Schäffer, der die kleine Partie des Predigers sang, fiel durch seinen schönen, sonoren Baß angenehm auf.
Die Chöre wurden sicher und mit schöner Tongebung gesungen; als besonders gut hervorgehoben zu werden verdienen das prächtige Gebet“ 0, Herr, in Himmelshöh’n“ und der schwierige Klatschchor zu Beginn des letzten Aktes. Die Inszenierung durch Herrn Walther -Schäffer verdient lobende Erwähnung.

Gastspiel am 24. 4. 1913.