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Tagblatt 1966

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75. Geburtstag Richard Taubers

aus Tagblatt 1966

Am 16. Mai 1965 würde Richard Tauber, der unvergessliche Sänger, 75 Jahre alt. Seine Stimme, ein lyrischer Tenor von ganz eigenartigem „ Schmelz und berückendem Klang, hatte wohl jeden ergriffen, der sie vernahm, sei es, dass sie aus einem Opernwerk, einer Operette oder im Lied ertönte. Allzu früh ist dieser große Sänger der Kunstwelt und einem der Musik ergebenen Publikum entrissen worden: er starb an einer schweren Magenkrankheit — erst 56 Jahre alt — am 8. Jänner 1948 in London.

Richard Tauber gehörte noch zur alten Operngarde, die uns Älteren vornehmlich in Mayr, Slezak. und Manowarda entgegentrat. Doch auch die jüngere Generation kannte ihn noch von Schallplatten und Filmen. Man konnte sich an dieser herrlichen Stimme nicht satt hören. Mit Richard Taubers Namen sind wundervolle Staatsopern – Aufführungen verbunden, vor allem jene, die dem Genius Mozart zu verdanken sind, doch war der Künstler ebenso sehr ein prachtvoller Verkörperer lyrischer Tenorpartien aus Werken von Puccini, Massenet, Thomas und anderen Meistern der Tonkunst. Zudem war Tauber ein vorzüglicher Schauspieler, dessen Seele sich ganz In die Rolle des Darzustellenden versenken konnte. Auch war er in der Lage, seine Partien ebenso italienisch, französisch und englisch wie deutsch zu singen. Man hatte dem Sänger den Vorwurf nicht erspart, dass er sich in reiferen Jahren mehr der Operette als der Oper zugewendet hatte, war er doch der unvergleichliche Gesangsheld, der die prächtigen Werke Meister Lehárs, wie „Friederike“, „Zarewitsch“ und „Das Land des Lächelns“ zu strahlenden Erfolgen begleitet hatte.

Interessanterweise begann der gefeierte Sänger, ein gebürtiger Linzer, seine Laufbahn als Dirigent, da seine Stimme anfänglich zu unergiebig schien, und er ist auch als solcher bisweilen hervorgetreten, ja, auch als Komponist hatte sich Richard Tauber erfolgreich versucht.

1933 ging der Künstler nach England, wo er eingebürgert wurde. In London war es auch, wo er im Konzertsaal oder im Theater eigene und fremde Musik umsichtig dirigierte. Vielleicht hätten seine Kompositionen mehr Beachtung gefunden; man sah aber in Richard Tauber eben immer nur den bezaubernden Tenor, der den Dirigenten und Komponisten nicht so recht zum Vorschein kommen lassen konnte. Und so blieb denn seine, die feinsten Nuancen zur Geltung bringende Tenorstimme dominierend. Sie bleibt denen unvergesslich, die sie in Taubers Glanzzeit in Wien oder in Salzburg gehört haben. Für die Nachwelt aber ist sein faszinierender Gesang durch die Wunder der modernen Tonkonservierung erhalten geblieben.

Leo Sonnwald