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Richard Tauber und „Indigo“

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„Wochenpost“ Nr. 42/54

Richard Tauber und „Indigo“

Der berühmte Sänger Leo Slezak (1873—1946) ist nicht nur durch seine großen Erfolge in Wagner-Opern bekannt geworden, sondern auch als Filmdarsteller, Humorist und nicht zuletzt als Schriftsteller.

Mir hat man oft Übles nachgeredet. Warum soll ich es eigentlich nicht auch einmal tun. wenn es sich um einen anderen Tenor handelt, den ich zu meinen Kollegen zählen darf? Nachdem in all den vergangenen Jahren soviel Gutes und empörend Schönes über den Richard Tauber gesagt wurde, wird es vielleicht interessant sein, auch ein abfälliges Urteil über ihn zu vernehmen.
»Alljährlich naht von München her ein Tauber“, so schrieb er mir in mein Egerner Gästebuch, in das sich nur meine intimsten Freunde eintragen durften.
Jeden Sommer sah ich ihn einigemal, wenn er mit hundertfünfzig Stundenkilometern Geschwindigkeit in seinem Mercedes zu mir herunterflitzte, begleitet von seinem tüchtigen Sekretär und seiner strengen, aber gerechten Gattin Vera Vanconti.
Kam er ohne diese, dann ging es ihm wie mir: da konnte er tun, was er wollte, und durfte sich in die lukullischen Besonderheiten meiner Wiener Küche restlos vertiefen. War sie dabei, dann durfte er es nicht, genauso wie ich .,.
Doch der Tauber ist ein Heuchler! Er schenkte mir in Gegenwart meiner Frau einen Punktroller. Begleitete dieses Geschenk mit tugendhaften Lehren und Ratschlägen, markierte den Entsagungsvollen, nur vom Turn- und Rollerfimmel Besessenen: „Weißt du, lieber Leo, das mußt du so machen wie ich ..Und nun folgten Lobeshymnen, wie er sich kasteie, wie er turne, mensendiecke, punktrollere, ¦wie er dabei abnehme — bis mich der Neid fraß und ich in ein jammervolles Nichts zusammensank angesichts meiner Elsa, deren Blick vorwurfsvoll auf mir ruhte, als sie sanft, aber eindringlich zu reden begann: „Siehst du, Leoschi, so macht er es, und du, du frißt!“ Ich schlug erblassend die Augen schamvoll nieder.
Zum Punktroller schrieb er einen Zettel: „Bei diesem Roller sollst du mein gedenken!“
Ich mußte nunmehr diesen roten Gummiknüppel auf allen meinen Reisen mitschleppen und die ersten drei Tage sogar punktrollern Es war qualvoll.
Ist es ein Wunder, wenn ich keine anerkennenden Worte für Richard mehr finde? Außerdem singt er Tenor. Und was besonders erschwerend ist, er singt sogar sehr schön.
Ein ausreichender Grund für mich — zu übler Nachrede!
Wenn man es mir auch nur ungern glauben wird — aber der Beruf eines Sängers ist schwierig, der eines Tenors noch schwieriger. Man bedenke:
Fast in allen Rollen hat er im letzten Akt zu sterben. MAn liebt, man wird auch fast immer wiedergeliebt, aber da ist stets einer da, zumeist der Bariton, der in die Suppe spuckt, der Klötze in den Weg wirft. Was habe ich davon, wenn der Nebenbuhler verschmäht wird, wenn ich dann doch als „derjenige, welcher“ im letzten Akt sterben muß.
Als ich zum erstenmal in Brünn am Gift der Borgia zu sterben hatte, lachte das Publikum aus vollem Halse und war selten so aufgeräumt, und der Kritiker schrieb: „Herr Slezak spielte eine Bauchfellentzündung und übertrieb derart, daß man mit Freuden konstatieren mußte, daß der treffliche Künstler diese Krankheit noch nie gehabt hat. Der strebsame Jüngling muß noch lernen, am Gift der Borgia zu sterben.“
Ich habe diesen Fingerzeig durch Wochen, Jahre und Jahrzehnte benutzt und sterbe nunmehr sämtliche Tode geradezu vollendet schön.
Dennoch war das Publikum mit Recht erfreut, wenn solch eine Oper wieder einmal überstanden war. Ein Operettentheaterdirektor sagte sich: wie beglückt müssen die Zuschauer erst sein, wenn der Slezak in einer Operette nicht sterben muß, nachdem sie sich bereits in einer traurigen Oper so amüsieren. Er machte mir «inen Antrag, und weil er mich dafür gut bezahlte, sagte ich zu.
Seither habe ich in verschiedenen Operetten gesungen und auch auf diesem Gebiet liebe Freuade und Kollegen kennengelernt, die mich — wie sie behaupten — schätzen und ob meiner trotz der Operntode einige Jahrzehnte erhaltenen Jugend-frische beneiden. Im „Blaubart“ habe ich mit Käthe Dorsch, der Vollblutkünstlerin und fraulichsten Frau, gesungen. Ich fand und finde sie bezaubernd und werde angesichts ihres Charmes zum Aviatiker: „Ich fliege auf sie!“
Auch mit meinem Stimmkollegen Wilhelm Bendow bin ich auf bestem Fuß. Die großen dramatischen Bewegungen habe ich alle von ihm. Eine Anzahl seiner Witze hingegen sind von mir.
In einem früheren meiner Werke habe ich einen Opernführer veröffentlicht, um dem Publikum klarzumachen, was eigentlich in den von mir gesungenen Opern passiert. Wenn ich einen Operettenführer schreiben müßte, würde ich einige dicke Bände brauchen, weil das, was da geschieht, noch viel blöder und verwirrender ist als in der großen Oper.
Zur Probe will ich nun versuchen, Ihnen den Textinhalt einer ziemlich unbekannten Operette „Indigo“ bekanntzugeben, an der die wundervollen elektrisierenden Klänge der Melodien von Johann Strauß das Schönste sind. Angesichts der Schwierigkeiten, die sich bei bloßer Angabe der Handlung, ergeben, bitte ich Sie, für alle Fälle Ihre Erwartungen auf ein recht niedriges Niveau herabzuschrauben. Seit Wochen zerbreche ich mir den Kopf und weiß mir bei dem vielen verwirrendem Geschehen keinen Rat, weil ich selber daraus nicht klug werde. Bereits vor über siebzig Jahren ist übrigens diese Operette trotz der herrlichen Musik des unsterblichen Walzerkönigs am Libretto gescheitere Sic werden fragen, warum ich sie dann wieder ausgrabe? Weil fast alle Operetten einen ähnlichen Blödsinn verzapfen und die ganz modernen im Gewand der Operettenrevuen einen noch größeren. Sie ist also sozusagen ein Schulbeispiel für die Operette und darum als belehrendes und abschreckendes Beispiel gewählt.
Wissen Sie eigentlich, wie der Johann Strauß zum Operetten-komponieren gekommen ist? Durch seine Frau. Sie zog heimlich fertigkomponierte Tonstücke aus seinem Pult, brachte sie dem Direktor des Theaters an der Wien, Steiner. Der ließ von seinem Hausdichter, der kein Dichter, sondern ein Macher war, Texte unterlegen und das Ganze zur Probe aufführen. Meister Strauß hörte seine Musik und war einverstanden, weil er von der Musik zwar etwas verstand, nicht aber vom Libretto.
Damals beherrschte Offenbach mit seinem satirischen entzückenden Stil ganz Wien, und der Steiner wollte ihm mit Johann Strauß ein Paroli bieten. Weil aber auch er von der Kunst eines guten Librettos nichts verstand, wurde das Ganze eine betrübliche Angelegenheit und „Indigo“ ein Durchfall. Inzwischen hat das Publikum sich leider an den Blödsinn gewöhnt und findet nichts mehr dabei.-
AIso lesen Sie, staunen Sie und urteilen Sie selber!
Vorerst will ich Sie in das Reich Indigos, des Inselkönigs führen. Das ist der Ort der Handlung. Dieser ist sehr weit rückwärts, ungewöhnlich abseits und hinten im tiefsten Orient auf einer Insel im Meere, die von den Wellen des Ozeans umspült wird. Die erste Szene zeigt uns einen lächerlich schönen Garten mit tropischen Gewächsen. Seitwärts des Palastes des Königs ein Planschbecken, in dem Bajaderen baden. König Indigo hat deren viele, auch in seinen Harems eine Unzahl von Frauen, die sich in diesem Garten ergehen. Angesichts seiner einseitigen Vorliebe für Essen und Trinken langweilen sie sich erheblich. Wenn viele Frauen beisammen sind, reden sie viel, und wenn es eine Operette ist, singen sie viel, also einen Chor.
Der Koloratursopran, der sich dem Chor der Haremsdamen anschließt, ist, wie Sie mit Recht vermuten, die Heldin Fantaska, ein fesches Wiener Mädel, die damit Fanny, respektive Fanneri geheißen hat und erfolglos vom König Indigo geliebt wird. Sie ist die Zierde seiner Gemächer, er legt ihr alle Schätze seines Landes zu Füßen, aber sie erhört ihn nicht, weil er ihr erstens zu alt und zu häßlich ist und weil sie zweitens einen anderen liebt, den ich später vorstelle. Sie hat es aber verstanden, den alten verliebten Kracher so um den Finger zu wickeln, daß tie eigentlich — mit den anderen Frauen im Vereine — das Regiment in diesem Lande führt. Das Werben des Königs ist hundertprozentig platonisch.
Eine weitere Figur, die nun auf dem Plan erscheint, ist Alibaba, der Eselstreiber, ein junger Philosoph, der Blumen und Früchte bringt. Alle Frauen umringen ihn, um ihm etwas abzukaufen und daneben mit ihm zu flirten, weil er ein sogenannter Feschak ist. Fantaska wirft ein paar Blumen unter die Frauen, um diese abzulenken, dann flüstert sie Alibaba zu, daß er um zwei Uhr nachts mit seinem Esel im Wald an einer bestimmten Stelle ihrer warten solle. Wie absonderlich! — Sie liebt doch den Janio, den Wiener! Und dennoch — und trotzdem— sollte sie? Zu alledem hat Alibaba ein jung«, sehr hübsches Weib, das nur leider eine Keppelfunze, eine Bisgurn, eine Beißzange ist, die ihn des öfteren petscht und sehr schmafuh behandelt.
Ist es da ein Wunder, wenn sich der Arme vor ihr fürchtet und gegen ein nächtliches Rendezvous ist — doch Fantaska hat so etwas Energisches, daß sie ihm jedes weitere Wort abschneidet und befiehlt, daß er zu kommen hat, weil sie seiner bedarf. Worauf er gottergeben nickt und ein Loblied auf seinen Esel singt, der sein bester Freund ist und dem er all seinen Jammer klagt.
Nunmehr erscheint die‘ zweitinteressanteste Figur der Handlung, der bewußte Janio, ein Wiener, der daheim Schani hieß und zu dem man das berühmte Wort: .Schani, tragn’n Gartn außal“ sagte. Er liebt Fanneri und hat sich, um in der Nähe der Geliebt ten weilen zu dürfen, beim König Indigo durch seine fesche Wiener Art eingetegelt, worauf er, weil er die ältesten Kalauer in ein faltenreiches Gewand zu kleiden verstand, zum lustigen Rat er-nannnt wurde. Mit ihm kommt Herr Romadour, den iah Ihnen hiermit vorstelle, ebenfalls ein Wiener. Romadour ist kein Weichkäse, sondern ein Oberpriester, den es nach diesem Lande verschlagen hat. Obgleich das bereits vor dreißig Jahren geschah, spricht er noch immer das katastrophalste Lerchenfelder Wasserdeutsch, das man sich vorstellen kann. Er hat sich seinerzeit mit kleinen Kunststücken, die er im Wurstelprater erlernte, beim König eine große Stellung gemacht. Er kann zaubern und mit den Ohren wackeln. Nunmehr ist er der Vertraute der Liebenden und vermittelt ihre Zusammenkünfte, indem er Obacht gibt, daß niemand kommt.
So ist es auch heute. Die Liebenden umarmen sich, und was machen drei Personen in einer Operette? Sie singen ein Terzett. Dieses Terzett war übrigens bei der Uraufführung im Jahre 1871 in Wien der größte Erfolg, weil es musikalisch von Strauß so herrlich gestaltet ist, daß es geradezu ein Jammer ist, daß man es so selten singt. Als die drei Leute ausgesungen haben, kommt mit großem Pomp König Indigo persönlich im Kreise seiner Minister, die sämtlich einem Idiotenheim entsprungen sein könnten, so vertrottelt gebärden sie sich.
Merkwürdigerweise spricht auch Indigo ein vorbildliches Wienerisch. Das hat er wahrscheinlich von Herrn Romadour gelernt. Er ist ein kleiner, dicker, älterer Herr, ein Miniaturjupiter, der wenig singt und viel redet. Vornehmlich beklagt er sich Uber ein miserables Essen, das man ihm vorgesetzt hat. Die Zwötschenknödl waren mit zu wenig Zwötschen gefüllt, der Elefantenrüssel war ihm zu englisch und zu zach. Und dann — wo bleibt der Senf? — gellt es von seinen Lippen. Da meint der Finanzminister, man habe aus Ersparungsiück-sichten den Senf weglassen müssen. Was? — kräht Indigo indigniert — bei meinen Zwötschen und bei meinem Senf wird mit den Ersparungen angefangen? Ist denn ka Geld da? Zahlt denn das Volk kane Steuern mehr? Was ist denn das für ein Volk? Als der Finanzminister sagt, daß das Volk bereits seine Steuern zwei Jahr im voraus gezahlt hat, meint Janio, daß man das Volk, weil es so voreilig war, mit einer Luxussteuer belegen müsse. Außerdem schlägt er eine Schönheitssteuer bei den Frauen vor, wo nur die Häßlichen steuerfrei sind. Da werden alle als Schöne gelten wollen und zahlen. Zweitens eine Steuer für die Klugen. Da bleiben nur die Dummen steuerfrei. Kein Mensch wird als dumm gelten wollen, es wird also wieder brav gezahlt werden. Na, und außerdem könnt man eine Steuer für Tugend und Bravheit einrichten, und weil keiner ein Schurke oder Gauner sein will, springt auch dabei etwas heraus.
In dieses uferlose Blödeln stürzt der Kriegsminister und ruft, daß die bösen Räuber, die bereits verschwunden waren, mit Verstärkung wiedergekommen sind.
Der König frag‘ treffend:
„Was muß ich hör’n? Liegt Wahrheit in dem Gewinsel?
Es gibt noch andre Räuber auf meiner Insel?“
Der Kriegsminister antwortet: „So ist’s, und — hoher Herr — nicht so verwundert. Räuber sind do, man schätzt sie auf zwahundert.“
Der König befiehlt, unverzüglich den Staat zu säubern. Aber die Männer ziehen sich feige zurück. Da kommt Janio auf die hervorragende Idee, die Weiber zu mobilisieren. Dabei spricht er den formschönen Satz:
„Nachdem gegenüber den Räubern die Männer geworden zu Weibern, vielleicht gegenüber den Räubern sind zu Männern geworden die Weibern.“
Entsetzlich! Die Weiber werden geholt. Es ergibt sich die passende Gelegenheit zu einem Chor der Bajaderen, die singend beraten, wie die Räuber am besten ausgerottet werden könnten. Fantaska sagt schwungvoll: „Ein Jeder, dem das große Werk gelingt, erhält als Preis, als Lohn vom Vaterland, mich selbst zum Weib, mein Herz und meine Hand.“
Der König protestiert zwar, wird aber überstimmt. Das Ganze verdichtet sich zu einem großartigen Finale, und der erste Akt ist glücklich zu Ende.
Und wenn die Musik von Strauß nicht wär, gäb‘ es keine Entschuldigung für diesen Blödsinn.

Aus: „Mein Lebensmärchen“