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OÖ Nachrichten Mai 1963

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OÖ Nachrichten Mai 1963

Richard Denemy, geb. 16. Mai 1891 Linz an der Donau,Herrenstraße 9

Aus diesem Richard Denemy, einem Linzer Kind, wurde der weltberühmte Sänger Richard Tauber — Zum 71. Geburtstag des Sängers

Es hätte nicht des Zufalls bedurft, dass mich im Jahre 1952 anlässlich des (um ein Jahr zurückdatierten) sechzigsten Geburtstages des am 8. Jänner 1948 in einem Londoner Spital nach einer Lungenkrebsoperation verstorbenen weltberühmten internationalen Sängers Richard Tauber dessen in Bad Ischl lebender Cousin Max Tauber ersuchte, ihm bei der Wiederbelebung der Erinnerungen behilflich zu sein, die Richard Tauber mit Linz an der Donau verbanden. Hat doch das Schicksal die Jahre meines Lebensabends eng mit den Gedenkstätten an die ersten Kindheitsjahre dieses Sängers verknüpft. Ich arbeite heute in nächster Nähe seines Geburtshauses, des „Schwarzen Bären“ in der Herrenstraße, gehe fast täglich an der Volksschule in der Spittelwiese vorbei, deren erste Klasse Richard Tauber besuchte, der damals noch Richard Denemy hieß, weil ihn sein leiblicher Vater, der Schauspieler Richard Anton Tauber, damals noch nicht adoptiert hatte. Nun wohne ich in der Nähe jener Stelle des Urfahrer Donau-Ufers, wo das kleine Bauernhäuschen stand, bei denen Richard Tauber seine ersten Monate in Pflege verbrachte, und bin nolens-volens mit der Anbringung der übrigens recht bescheidenen und leicht zu übersehenden Gedenktafel an seinem Linzer Geburtshaus, mit der Enthüllung des (auch nicht allzu gut gelungenen) Reliefporträts an seiner ehemaligen Villa in Bad Ischl und mit all dem journalistisch verbunden, was für das Gedenken dieses großen Sängers und Tonfilmdarstellers Richard Tauber, der ein echter Linzer und ein treuer Freund Ischls war, in Linz und Bad Ischl für Richard Tauber teils geschehen (teils nicht geschehen) ist.
Die Mutter Richard Taubers, die Tochter des Wiener Vorstadttheaterdirektors, Elisabeth Denemy, war seit 1890 als Soubrette am Linzer Landestheater engagiert. Sie bewohnte in dem damaligen Einkehrgasthof „Schwarzer I Bär“ eines der für Mitglieder des Landestheaters reservierten Zimmer. Der damals vor einer Amerika-Tournee stehende, schon bekannte Schauspieler Richard Anton Tauber aus Wien gastierte am Linzer Landestheater, lernte seine Kollegin im Gastgarten des „Schwarzen Bären“ (dem damals schönsten Gastgarten von Linz) kennen und lieben. Er fuhr nach Amerika. Elisabeth Denemy gebar knapp nach einer Vorstellung von Millöckers „Das verwunschene Schloss“ im „Schwarzen Bären“ kurz vor Mitternacht des 16. Mai 1891 den kleinen Richard, der bald darauf. in der Pfarrkirche zur Heiligen Familie in der Bürgerstraße ‚ auf den I Namen „Richard“ römisch-katholisch getauft und zu alten Bauersleuten in Urfahr in Pflege gegeben wurde.
Im September 1897 wurde er in die  erste Klasse der Volksschule auf der Spittelwiese eingetragen, die er vom 16. 9. 1897 bis zum 28. 4. 1898 besuchte und ohne Abgangszeugnis noch während des Schuljahres verließ, da ihn inzwischen sein leiblicher Vater übernommen hatte und mit ihm nach Prag übersiedelt war. Richards Mutter Elisabeth Denemy hatte inzwischen einen Kaufmann namens Seyfferth geheiratet und war mit ihm nach Salzburg übergesiedelt. Zeit seines Lebens hing Richard Tauber in einem seltsamen Zwiespalt seiner Seele an seiner Mutter, die so ganz anders geartet war als der Vater. So wurde Salzburg nicht nur als Festspielstadt, sondern auch als Wohnort seiner Mutter, die dort im zweiten Weltkrieg starb, seine zweite Heimat.
Mit Richard Denemy die Schulbank der Taferlklasse auf der Spittelwiese drückten laut Hauptbuch: „Erben Franzi aus der Pfarrgasse 3, Gilhofer Karli (Vater Hausbesorger auf der Promenade 7), Witzany Fritzl, Hofgasse 2, Bonyhady Arthur, Graben 3.“
Da der kleine Denemy Richard nur sehr kurz mit den anderen Tschaperln die Weisheiten der Taferlklasse in sich aufnahm, konnten sich die Linzer Schulkollegen von seinerzeit begreiflicherweise später kaum an ihn erinnern. Beziehungsweise nur rückerinnern, als er als der berühmte Richard Tauber in seiner Vaterstadt Linz (ziemlich selten) gastierte.
Richard Tauber selbst schreibt in einem Ansatz zu „Memoiren“ über seine Linzer Kindheit: „Mein Vater hatte überhaupt keine Singstimme, meine Mutter ein winziges Soubretten-stimmchen. Dennoch verdanke ich mein erstes Honorar als Sänger den Bemühungen meiner lieben Mutter. Als ich in Linz die erste Klasse der Volksschule auf der Spittelwiese besuchte — ich bin damals in einem funkelnagelneuen Matrosengewand und mit dem von mir heiß geliebten Hund ,Flocki‘ fotografiert —, studierte meine Mutter mir mein erstes Liedchen ein, das begann: ,Ich hatt, einen kleinen Zinn-Husar ..So oft man mich aufforderte, den ,Zinn-Husar‘ vorzusingen, kassierte ich im Vorhinein das Honorar ein. Es war bescheiden genug und überstieg, soweit ich mich erinnern kann, nie die horrende Summe von — zehn Hellern!“
Kein Mensch kennt mehr das Lied vom „Zinn-Husar“. (Wenigstens hat es mir niemand ‚mitteilen können.) Was zehn Heller einmal wert waren, weiß auch niemand mehr. Richard Tauber wäre jetzt 71 Jahre alt. An der Gedenktafel am „Schwarzen Bären“ gehen viele Leute achtlos vorüber. Sie meinen, es wäre die ausgehängte Speisekarte.
Rafael Hualla