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Oberösterreichischer Kulturbericht

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Oberösterreichischer Kulturbericht

Herausgegeben von der Kulturabteilung des Amtes der OÖ. Landesregierung, 13. Mai 1966.

Richard Tauber zum Gedenken

Es ist sicherlich vielen Menschen nicht bekannt, dass der 1948 verstorbene weltberühmte Tenor Richard Tauber, der am 16. Mai i966 sein 75. Lebensjahr vollenden würde, ein Linzer Theaterkind ist. Sein Vater war der Schauspieler Richard Anton Tauber und seine Mutter die Schauspielerin und Sängerin Elisabeth Denemy, verwitwete Seyfferth, die ihren Sohn Richard am 16. Mai 1891 im Hotel „Zum Schwarzen Bären“ in der Linzer Herrenstraße gebar. An diesem Hotel ist eine Gedenktafel angebracht, die fälschlich als Geburtsjahr 1892 angibt. Aus den Geburts- und Taufmatriken der Pfarre „Zur Heiligen Familie“, zu der damals der „Schwarze Bär“ gehörte, geht eindeutig hervor, dass Richard Tauber, der damals noch Richard Denemy hieß, am 16. Mai 1891 geboren und zwei Tage später getauft wurde. Sein 1861 in Wien geborener und während des zweiten Weltkrieges in Lugano verstorbener Vater Richard Anton Tauber war von 1883 bis 1885 jugendlicher Liebhaber am Linzer Theater. In dieser Zeit lernte er die 1847 in Wien geborene beliebte Soubrette und Lokalsängerin Elisabeth Denemy kennen, die unter dem Namen ihres verstorbenen Gatten Seyfferth am Landestheater engagiert war. Richard Anton Tauber gastierte nach 1885, als er schon in Graz, Berlin und Wien ein Liebling des Publikums geworden war, noch wiederholt in Linz, was wohl auch mit seinen Beziehungen zu Elisabeth (Betty, Setty) Denemy-Seyfferth im Zusammenhang stand. Im Herbst 1890 unternahm er eine Gastspielreise nach Amerika. Als er 1892 wieder nach Linz zurückkam, erfuhr er, dass ihm Elisabeth Denemy-Seyfferth im Mai 1891 einen Sohn geboren und ihn‘ dann zu einer Familie in Urfahr in Pflege gegeben hatte. — Besonders interessant ist hier die Parallele zur berühmten Burgschauspielerin Hedwig Bleibtreu, die auch ein Linzer Theaterkind war, hier im Gasthof „Zum Schwarzen Bock“ im Jahre 1868 geboren wurde und dann auch nach Urfahr in Pflege kam. — Vater Tauber löste den kleinen Richard in Urfahr nach Bezahlung des von der Mutter schuldig gebliebenen Pflegegeldes aus und brachte ihn dann offenbar auf einem Linzer Pflegeplatz unter, da der Knabe vom 16. September 1897 bis zum 28. April 1898 in die erste Klasse der Volksschule auf der Spittelwiese ging. Es wird auch erzählt, dass der kleine Richard seine Mutter auf ihren Theaterberufsreisen durch die österreichische Provinz begleitete. Das ist aber sehr unwahrscheinlich, da sich die Mutter nach seiner Geburt nicht mehr viel um ihn kümmerte. Erst als er berühmt geworden war und sie in Salzburg, wo sie 1938 starb, im Ruhe-• stand lebte, wurden die Beziehungen zwischen Mutter und Sohn wieder inniger.

 

Nach seiner Linzer Zeit kam der junge Richard in die Obhut seines Vaters, der ihm dann auch seinen Familiennamen gab und 1900 nach Deutschland übersiedelte, wo er es zum Theaterintendanten in Chemnitz brachte. Der Vater ließ den jungen Mann, der sehr musikalisch war, am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt a. M. zuerst die Kapellmeisterklasse absolvieren. Als Richards Stimme entdeckt wurde, übernahm deren Ausbildung Carl Beines in Freiburg i. Br. Im Jahre 1912 (oder 1913) sang Richard Tauber zum ersten mal in Chemnitz am Theater seines Vaters den Tamino in der „Zauberflöte“. Der Intendant der Dresdener Oper Graf Seebach und der Dresdener Generalmusikdirektor Ernst von Schuch hörten den jungen vielversprechenden Sänger im Chemnitzer Theater und engagierten ihn an die Dresdener Hofoper. Dort unterzog er sich unter Schuchs erfahrener Führung noch harter systematischer Arbeit, bis seine Stimme und seine Stimmtechnik voll ausgereift waren. Dann aber verfügte Richard Tauber über eine der schönsten Tenorstimmen, die auf der Opernbühne jemals zu hören waren. Sein Tenor klang weich und satt und war in allen Tonlagen gleich stark und ausgeglichen. Mit Leichtigkeit schwang er sich zum reinen und kraftvollen hohen C empor. Von wunderbarer Zartheit und doch sehr klangvoll war sein Falsett. Der Gesang dieses großen Künstlers, der im Zenit seines Ruhms „der deutsche Caruso“ genannt wurde, kam nicht nur aus dem Kehlkopf, sondern auch aus dem Herzen. Neben seinen stimmlichen Vorzügen besaß Richard Tauber noch ein eminentes schauspielerisches Talent, das er von seinem Vater geerbt hatte. Es nimmt darum nicht wunder, dass er bald auch außerhalb Dresdens berühmt wurde und in allen Großstädten Europas (er war auch Mitglied und Kammersänger der Berliner Staatsoper und der Wiener Staatsoper), aber auch in den anderen Erdteilen seine Zuhörer erfreute und begeisterte. Zu seinem Ruhm leisteten auch die Tenorpartien in den großen Lehár-Operetten und seine Tätigkeit beim Tonfilm einen besonderen Beitrag. Sein Lieblingslied „Dein ist mein ganzes Herz“ aus dem „Land des Lächelns“ sang er mehr als lO.OOO mal in allen Teilen der Welt und in den verschiedensten Sprachen, in Kairo sogar arabisch.

 

Kammersänger Richard Tauber unterhielt bis zu, seiner Übersiedlung nach England im Jahre 1938 gute Beziehungen zu seinem Geburtsland Oberösterreich und gastierte mehrere Male im Linzer Landestheater. Besonders liebte er Bad Ischl, wo er zusammen mit seinem derzeit dort lebenden Vetter Max Tauber, dem Ehrenpräsidenten des Clubs der Richard-Tauber-Freunde, im Jahre 1920 eine Villa kaufte, von der aus er im Sommer 1921 sein Gastspiel im Linzer Landestheater durchführte. Dieser Vetter Max Tauber war Richard Taubers Manager und der Gründer der Tauber-Tonfilm-Gesellschaft. Am 18., 20. und 21. Juli 1921 gastierte Richard Tauber in Linz als Pedro im „Tiefland“ (zweimal) und als José in „Carmen“, wobei er jedes Mal ob seiner glanzvollen Stimme, seiner aufsehenerregenden Gesangskultur und seiner erschütternden schauspielerischen Leistung im ausverkauften Haus stürmischen Beifall erzielte. Am 1. August 1921 sang er im Landestheater den Mathias Freudhofer im „Evangelimann“, am 2. August den Jöszi in „Zigeunerliebe“ und am 3. August noch einmal den Pedro im „Tiefland“. Wieder nahm der Beifall, so wie die Temperatur in diesen Tagen, südländische Ausmaße an. Das Tauber-Gastspiel war die Sensation der Spielzeit 1920/21 unter der Direktion Wrede. Im Jänner 1935 stellte sich Richard Tauber im Linzer Theater als Komponist und Dirigent vor. Direktor Ignaz Brantner spielte Taubers Operette „Der singende Traum“, die der Komponist in einem opern-haft-seriösen, von Puccini und Lehar beeinflussten Stil geschrieben hatte. Von den sechs Vorstellungen wurden vier von Richard Tauber, der ja gelernter Kapellmeister war, selbst dirigiert. Es ist bemerkenswert, dass in diesen Aufführungen Alois Indra, der eben 60 Jahre alt gewordene Betriebsratsobmann des Linzer Theaters, die Rolle eines Schiffsarztes verkörperte. Am 21. Februar 1936 spielte Richard Tauber zum letzten Mal in Linz. In einer von Direktor Brantner selbst inszenierten „Tiefland“-Aufführung sang er noch einmal den Pedro und wurde wieder durch außergewöhnlich intensiven Beifall geehrt und bedankt.

 

In den Dreißiger-Jahren hatte Richard Tauben seine größten Erfolge als Lehár-Sänger. Besonders denkwürdig ist hier die Wiener Staatsopernuraufführung der Operette „Giuditta“ am 20. Jänner 1934, in der er als Partner Jarmila Nowotnas die männliche Hauptpartie sang. 1938 verließ Kammersänger

Richard Tauber Wien und übersiedelte nach London, wo er bereits 1936 die englische Schauspielerin Diana Napier (in zweiter Ehe nach Charlotte Vanconti) geheiratet hatte. 1940 wurde ihm die englische Staatsbürgerschaft zugesprochen. Er konnte aber den Schmerz über die Trennung von seiner österreichischen Heimat nie überwinden. 1947 sang er zum letzten Mal in der Londoner Covent Garden Oper den Don Ottavio im „Don Giovanni“, eine seiner Lieblingsrollen, die ihn als idealen Mozart-Sänger auswies und die er wiederholt bei den Salzburger Festspielen verkörpert hatte. In dieser Partie hatte der gottbegnadete Sänger-Schauspieler alle seine Vorzüge vereinigt; aus jedem Ton seiner wunderbaren, meisterhaft beherrschten Stimme sprach der vollendete spanische Kavalier. — Im Oktober 1947 musste sich Richard Tauber wegen eines Lungenleidens operieren lassen. Eine Reise in die Schweiz sollte ihm dann Erholung bringen. Diese geplante Schweizerreise hat er aber nicht mehr erlebt. Er starb am 8. Jänner 1948 in einem Londoner Krankenhaus.

Dr. Heinrich Wimmer