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Meta Krogel erinnert sich

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Anlässlich der Reihe, „Die goldenen Zwanziger“, in der Illustrierten „Frau im Spiegel, ergänzt Frau Meta Krogel, Sekräterin Richard Taubers, einige Details. Sehr spannend und interessant, diese Informationen aus „erster Hand“ zu erfahren. (Aus dem Jahre 1966)


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Meta K r o g e 1
6202 Wiesbaden-Biebrich Diltheystr. 17, I den 11. Oktober 1966

Herrn
Chefredakteur Jochen Seelhoff
„Frau im Spiegel“
24 Lübeck
Dr. Julius-Leber-Str. 3-7

Betr.: Ihren Artikel „Die goldenen zwanziger Jahre“ Sehr geehrter Herr Chefredakteur Seelhoff!

Als frühere Sekretärin der Richard Tauber-Tonfimlgesellschaft und gebürtige Berlinerin freue ich mich ausserordentlich über obigen Artikel und speziell darüber, daß Richard Tauber so herausgestellt wird, denn als Künstler und Mensch verdient er es wie kaum einer. Ich pflege noch heute den Kontakt ait seinen letzten Angehörigen.
Von dem Wunsche beseelt, daß die Schilderungen abglichst auch den Tatsachen entsprechen sollten, beeile ich aich, einiges richtigzustellen. Vielleicht läßt sich dieses oder jenes in der Artikelreihe noch nachholen, und ganz besonders möchte ich Ihnen zu einigen Pointen verhelfen.

1.) R.T. war nicht schwarzhaarig, sondern dunkelblond mit Kupfernuance. Im Paß stand sogar nur blond.

2.) Etwa ein Jahr war Richard alt als «ein Vater nach der Rückkehr aus Amerika von seiner Existenz hörte und ihn sofort in Linz-Urfahr bei den Pflegeeltern aufsuchte.

Es stimmt, daß Richard bei der Mutter blieb bis sie Herrn Seyfferth heiratete und nach Salzburg zog. Richard war damals etwa 7 Jahre alte. Von da ab war er denn in der Obhut seines Vaters.

3.) R.T. war in Dresden knapp 9 Jahre, denn 1922 hatte er nach einigen erfolgreichen Gastspielen schon seine festen Verträge zuerst in „ien und kurz darauf auch in Berlin. Dresden verhängte eine hohe Konventionalstrafe, doch er gastierte immer wieder in Dresden und als er 1926 dort in letzter Minute die deutsche Uraufführung der „Turandot“ rettete (Kollege war erkrankt) und zu beispiellosem Erfolg führte, zahlte Dresden für diesen Galaabend RM 6.000,— und erließ ihm die restliche Konventionalstrafe.

Bereits 1915 sprang R.T. in der Berliner Staatsoper als Bacchus in „Ariadne auf NHaxos“ von Richard Strauß ein. Berlin hatte in Dresden angefragt, ob ein Tenor am übernächsten Abend die Partie übernehmen könne. R.T. fuhr nach Berlin, studierte die Rolle in der Nacht, Rich.Strauß nahm 1 Stunde vor der Vorstellung die kitzligsten Stellen am Klavier durch, und Rich. Strauß und auch die Berliner Kritiker waren mit der jungen Aushilfe aus Dresden sehr zufrieden.

Richard Strauß bedankte sieh nach der Vorstellung hei R.T., daß er aus der Patsche geholfen habe und wollte wissen, wie oft er schon den Bacchus gesungen habe. Offenherzig antwortete R.T. „Hoch niemals, Meister, heute das allererste Mal“. Rich. Strauß wurde vor Wut und Schreck abwechselnd rot und blaß und stammelte, „Wenn ich das gewußt hätte, dann hätte ich heute abend nicht dirigiert“. In späteren Jahren hat ihn Rich.Strauß häufig bei seien Konzerten an Flügel begleitet. Als R.T. dann 1919 auf Engagement in der Berliner Staatsoper sang, wurde er von den Kritikern als viel zu jung und unreif Verrissen, was er sich sehr zu Herzen nahm.

„Paganini“ (wurde in Wien nicht ausgepfiffen, hatte aber nur einen Achtungserfolg mnd schon nach wenigen Tagen gähnten leere Stuhlreihen) wäre auch in Wien ein durchschlagender Erfolg geworden, wenn Richard Tauber diese erste von Lehár für ihn komponierte Rolle hätte bei der Premiere singen können. Damals sträubten sich Intendant und alle Generalmusikdirektoren der Wiener Oper energisch dagegen, daß ihr Star nebenbei Tingel-Tangel singt urd verstanden es, ihn so in Anspruch zm nehmen, daß er die „Paganini“-Rolle nicht einstudieren konnte. Carl Clewing, ein blonder Hüne und Heldentlnor aus Berlin, (übrigens der Komponist des schönen Volksliedes „Alle Tage ist kein Sonntag“) spielte dls Titelrolle, also von vornherein ein gegensätzlicher Typ.

Direktor Saitenburg vom Deutschen Künstlertheater Berlin wollte daraufhin die Berliner Uraufführung nicht mehr wagen, und die Sache kam sogar vor das Schiedsgericht. R.T., der immer tolerante und verträglichste Künstler, war hier einmal ausnahmsweise der treibende Keil, denn Lehár hatte ebenfalls starke Bedenken und wollte zurücktreten. R.T. hatte noch immer nicht die damalige Schlappe an der Berliner Staatsoper verwinden können und sich so in die „Paganini“-Rolle hineingelebt, um das Berliner Publikum so im Sturm zu erobern wie die Wiener in „Frasquita“. Was sich zu dieser Premiere in Berlin tat, werden Sie wissen. Minutenlang mußte die Vorstellung wegen der Ovationen immer wieder unterbrochen werden. R.T. sang „Gern hab‘ ich die Frau ’n geküßt“ nach den Wiederholungen auf der Bühne noch vom Parkett, von den Logen und Rängen in immer wieder neuen Variationen. Dir. Saitenburg, der während der Proben Lehár und Tauber keines Blickes würdigte, holte Lehár aus seiner selbstbezahlten Loge und stand zum Schluß strahlend auf der Bühne (was er sonst nie tat) und drückte seinen Hauptdarstellern Tauber u. Vera Schwarz immer wieder in Dankbarkeit die Hände. Statt der vom Gericht festgesetzten 20 Vorstellungen sang R.T. dann 150. Mehr erlaubten seine Opern- und Konzertverpflichtungen nicht. Aber die Berliner wollten „Paganini“ wenigstens gesehen haben, und so waren später noch die zweiten und dritten Besetzungen ausverkauft.

5.) Carlotta Vanconti ^

Bei der kurzen Ehe mit Carlotta Vanconti war genau das Gegenteil der Fall. Sie hat ihn ständig betrogen, und ihm wurde es so lange wie möglich verheimlicht, weil er sie so abgöttisch liebte. Als er dahinter kam, räumte er ihr in einem Schreiben gewisse Freiheiten ein, um sie nicht zu verlieren, und als sie diese dann doch nicht achtete, wurde die Ehe auf seinen Wunsch geschieden. Er überließ ihr die Wohnung, erfüllte alle ihre Wünsche (2. Auto, weiteren Schmuck) und fand sie – wenn ich mich noch richtig erinnere – mit ca. DM 200.000,— ab.
Carlotta Vanconti unternahm mit ihrer Freundin, ebenfalls einer Lebedame, eine Weltreise und hielt sie frei. In 2 Jahren war das ganze Vermögen verbraucht. Auf Grund jener Zugeständnise in des Schreiben – unverständlich, daß sie diesen Art Vertrag nach der Scheidung noch hatte und immer wieder drohen konnte „Ihr dürft nicht vergessen, daß ich diesen Brief noch habe!“ erpreßte sie R.T. und er zahlte und zahlte jahrelang, um nicht blaniert zu werden. Als R.T. dann 1935 die Engländerin Diana Napier heiraten wollte, protestierte Carlotta Vanconti und erklärte die in Berlin 1928 ausgesprochene Scheidung als ungültig, zumal Richard sich mit ihr 2x trauen ließ, in Berlin und in Wien. (Bei der zweiten Eheschließung meinte ar wohl wieder, daß doppelt genäht besser hielte, und ließ sich in London und bei der kurz darauf folgenden Reise nach Österreich noch in der Kapelle des Schikanederschlößchens trauen). Aus Nazi-Deutachland waren die Unterlagen nicht zu erhalten, und so ging in Wien der ganze Zirkus noch einmal los. Hier forderte sie noch eine Abfindung wegen Mißhandlung durch den Schwiegervater, der sie einnal erwischte und wegen ihres liederlichen Lebenswandels kurzerhand den Spazierstock schwang. Die Scheidung wurde dann auch in Wien ausgesprochen und Carlotta Vanconti wegen Erpressung zu 8 Wochen Gefägnis verurteilt. Von da ab war dann endlich Ruhe. Nach Taubers Tod hörte man in Deutschland plötzlich wieder von der „Witwe“ Carlotta Tauber und von Schulden, die sie in Großstädten hinterließ. In Berlin ist sie vor etwa 2 Jahren verstorben.
Wenn ich Ihnen noch verrate, daß Carlotta in Berlin während eines Besuches in der reichsten und vornehmsten Gesellschaft ein extra für sie angefertigtes Armband im Werte von DM 35.000,— Richard vor die Füße warf mit dem Trumpf, daß sie als Frau Tauber solchen Dreck nicht trage, werden Sie verstreben, daß ich der Wahrheit die Ehre geben aöchte. Tauber war bestimmt kein Tugendbold oder gar Philister und entflammte achnell für ein hübsches Geeicht, eine echöne Gestalt oder ein Talent, aber ein Caseanova war er nun weiß Gott nicht und zog sich mit allem Charme und seinem goldigen Humor aus den Affären. Im Hotel Adlon hatte Carlotta einnal beide Stiefbrüder von R.T. zu einen Menü eingeladen. Als der Ober mit dem Tablett kam, schaute eis kurz hin und schon flogen mit einen Handstreich säatliche Schüsseln in die Luft und der Inhalt ergoß sich über die kostbaren Möbel und Teppiche des kleinen separaten Raumes mit dem entrüsteten Schrei, daß sie das gar nicht bestellt hätte. Der Ober entschuldigte sich tausendaal, und die beiden Herren schämten sich in Grund und Boden und bedauerten im stillen den armen Richard.

6«) Die Idee, aus der „Gelben Jacke1“ eine Neubearbeitung „Das Land des Lächelns“ zu schaffen, kam Lehár erat als bei R.T. eine leichte Besserung eintrat und er wieder Interesse zeigte. R.T. lag in keiner Klinik, sondern flehte seinen Vetter Max und Stiefbruder Otto an, daß er im Adlon bleiben darf und sie ihn pflegen; nicht einaal eine Krankenschwester durfte um Ihn sein. Die berühmtesten Spezialisten marschierten an seinen Bett vorbei, konnten aber nicht helfen, sondern alle nur trösten, daß er Wochen durchhalten müsse bis er transportfähig wird und nach Bad Pystian zur Kur kann. Geachäftlich Interessierte und NHeugierige aller Sparten kamen in den ersten Wochen, und dann wurde es immer stiller. In dieser Not kamen nicht mehr 100 auf ein Lot.

Henny Porten und ihr Gatte, Marlene Dietrich, Vera Schwarz, Agnes v. Esterhazy und Edi Lichtenetein zählt R.T. selber auf, daS sie stundenlang an seinem Bett ausharrten und ihn aufzuheitern und abzulenken versuchten.
Sein großer alter Freund aus Dresden Tino Pattiera kam auch und prahlte mit geschwelltsr Brust: „Jetzt kommt wieder meine große Zeit, denn Du wirst nie mehr auftraten“.

Durch die bleibende Behinderung nach der schweren Krankheit schied R.T. dann 1929 als Mitglied der Berliner Staatsoper aus und erneuerte nur noch die Verträge mit der Wiener Oper, trat aber weiter in europ. Opernhäuser als Gast auf. Gewiß wurde das Leiden nach und nach immer besser, und R.T. wiederholte auch alle Jahre die Kuren in Bad Pystian, aber die Arthritis and die Schmerzan ließen sich nicht ganz beseitigen. Rührend war es, daß er in Bad Pystian den anderen Kranken in Rollstühlen gut zusprach und ihnen zeigte, wie er sich schon wieder bewegen könne. Sein wohl überhaupt größtes Erlebnis war das Abschiedskonzert dort nach seiner ersten Kur, das er gegen hohe Eintrittspreise vcn den armen (kranken) Reichen zugunsten der reichen (gesunden) Armen, nämlich der Bevölkerung gab. Diese stand hinter der Barriere und durfte umsonst zuhören. Tags darauf duldeten es diese Leute nicht, daß er is Auto zun Bahnhof fuhr, sondern bildeten Spalier und trugen ihn auf den Schultern zu seinem Sonderwaggon, der der kaiserliche Salonwagen von Wilhelm II. war.

Entschuldigen Sie bitte, sehr geehrter Herr Chefredakteur, daß diese Ausführungen so lang geraten sind. Wenn Auskünfte gewünscht werden, wäre ich gern dazu bereit. Pressiert es, bin ich von 7.30 bis 17 Uhr bei KALLE in Wiesbaden-Biebrich (0 6121) 68 5307 zu erreichen. Auch mit seltenem Potomaterial könnte ich Ihrer Zeitschrift dienen, wie ich es bereits für die UFA (Fernsehen) und den Bertelasann-Verlag etc. tat. ELECTROLA hatte über 4 Jahre 220 Schellack-Tauber-Platten zwecks neuer Überspielung in Köln. Ea wäre praktisch, wenn sie hier In der Gegend einen Mitarbeiter hätten, der die Schätze besichtigen und auswählen könnte. Ich stelle sich gern In den Dienst dieser guten Sache, nur um der Gerechtigkeit willen.

Übrigens war R.T. keineswegs jüdisch, sondern nur ein Nichtarier. Seine Mutter war rein arisch, wunderschön und hellblond. Der jüd. Einschlag kam vom Vater, der allerdings auch schon Mischling und evangelisch war. R.T. hatte nach dem Glauben der Mutter die kathollschs Konfession.

Ist Ihnen bekannt, daß Tauber bei Gastspielen in der Provinz vom Büro aus an die kleinen Kollegen und Kolleginnen Umschläge mit Geld (es handelte sich stets um 20 bis 50 Mark) verteilen ließ? Vor einiger Zeit erzählte dies auch In eines Interview ein alter Theaterhase im Fernsehen. Dadurch bog er von vornherein ab, daß man ihn beneidete, und er wußte, wie schwer es war für die Kollegen an kleineren Bühnen. In England soll es unwahrscheinliche Ausmaße angenommen haben, wie er sich für die geflüchteten und Stellungslosen einsetzte.

Wie mir Herr Ludwig Rey, Treuhänder und Wirtschaftsprüfer in Köln, (er kannte R.T. auch gut persönlich) erzählte, sind R.T.s Steuerschulden in England durch Platteneinnahnen beglichen, und er hatte verfügt, daß aus seinem Schallplattenfond mittellose Sänger auagebildet werden. So soll alle Jahre In England die Ausschreibung für die Begabtesten erfolgen. Ob das stimmt, weiß ich nicht, wünschte es aber sehr, denn das ist wieder ganz e r .

Mit freundlichen Grüßen
Meta Krogel