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Lieber Richard

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Lieber Richard Tauber!

„Erinnerungsblätter aus meinem Leben“, schrieb der Sänger Richard Tauber über das Manuskript, mit dessen Abdruck wir im nächsten Heft beginnen. Er wußte aber wohl selbst schon, daß ihm weit mehr gelungen war als die Schilderung seines eigenen Lebensweges — er hatte zugleich die Erinnerungen aller geschrieben, die die glücklichen Jahre zwischen 1920 und 1933 erleben durften. Denn sein Leben, seine Stimme und die Melodien, die er sang, gehörten ja nicht nur ihm. Sie gehörten allen. Aber nur wenige kannten ihn so gut wie Henny Porten, die diesen Brief an den verstorbenen Sänger schrieb:

Mein lieber Richard! Ich habe in diesen Tagen Deine Lebenserinnerungen gelesen, die Du einmal vor Jahren während einer schweren Krankheit schriebst. Und nun drängt es mich, Dir ein paar Worte zu sagen und Dir einen lieben Gruß zu senden. Denn, wenn Du auch nicht mehr auf dieser Erde weilst — für mich bist Du nicht totl Das Schönste von Dir ist uns ja erhalten geblieben: Deine Stimme und in dieser Stimme Dein Herz. Erhalten geblieben sind auch die Erinnerungen, die wir beide gemeinsam haben und die nun wieder wach werden: an die glücklichen Stunden, die wir verlebten, an große strahlende Erfolge, die Dir und mir beschieden waren, aber auch an viel Schweres, das das Schicksal uns auferlegte — Dir und mir. Ich denke an meine schwere Krankheit, die genau ein Jahr später auch Dich packte. Beide fanden wir Heilung in Bad Pistyan bei demselben Arzt, der uns so rührend be treute. Und ich denke an das Schwerste, was Dich so wie uns traf — daß wir so viele Jahre als Ausgestoßene galten. Du und wir beide, mein Mann und ich, haben dieses Schicksal ertragen müssen, jeder auf seine Art. Du in der Emigration, wir beide hier in der Heimat. Aber über eines kommen wir nicht hinweg, und es schmerzt uns immer wieder: daß es für uns kein Wiedersehen gab!

Oder sollte uns das doch noch beschieden sein? Vielleicht in einer anderen, besseren Welt? Dann würden wir sicher genau so kindisch vergnügt miteinander sein, wie wir es hier auf dem komischen Stern, den man Erde nennt, waren. Wir würden in Erinnerungen schwelgen, frohen und ernsten. Und wir würden schwelgen in unserer Musik, die für Dich das ganze Leben war und die auch mich von Jugend an so ganz erfüllte, denn auch ich bin ja das Kind eines Sängers. Wir würden zusammen musizieren wie so oft in unserem kleinen, schönen Heim in Berlin-Dahlem. Und dann würden wir beide, wie wir es auch so oft getan, gemeinsam singen — Du die erste Stimme und ich mit meinem .Bierbaß“, wie Du sie immer nanntest, die zweite … Ja, lieber Richard, das wäre schön . . .

Deine Henny