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In Memoriam

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IN MEMORIAM RICHARD TAUBER

v. 06 Dezember 1954
Elisabeth Schwarzkopf von der Wiener Staatsoper ist während des September-Gastspiels der Wiener Staatsoper in London Richard Taubers letzte Partnerin gewesen. Sie weilt jetzt wieder in London und schreibt an „FILM“ über ihren Besuch an Richard Taubers Grab.

Nur Schallplatten werden uns an ihn erinnern — die Londoner haben sein Grab. Den toten Sänger aus dem fremden Land deckt englische Erde, die schon dem Lebenden zweite Heimat wurde, seit er Österreich verlassen mußte und über die Schweiz und Südafrika nach London kam. Freilich war er dort schon längst bekannt, ja, populär gewesen. 1940 war ihm die englische Staatsbürgerschaft verliehen worden. Als Dirigent, als Sänger, vor allem durch seine regelmäßigen Radiosendungen hatte er bis in die letzte Zeit unverwüstlichen Erfolg. Londoner Freunde erzählten mir, wie er während eines Bombenangriffs auf dem Konzertpodium stand und weiter sang, um eine Panik zu verhüten, lächelnd hatte er gesagt: »Hitler hat mich gehindert in Deutschland zu singen, er hinderte mich daran, es in Österreich, in Frankreich, in Dänemark, in der Tschechoslowakei zu tun. Niemals aber wird er mich daran hindern können, in England zu singen.“

Der frühe Tod hat den kaum 56 jährigen aus der Blüte seines Ruhms gerissen. Als ich jetzt in Prompton Cemetery in Chelsea an seinem Grabe stand, habe ich es noch immer kaum fassen können. Ist es mir doch, als ob es gestern gewesen wäre, daß ich neben ihm auf dem Podium und auf der Bühne gestanden bin. Ein unvergeßliches Erlebnis, und nun von so traurigen Schatten verdüstert. EiD schlichtes Viereck in Grün deckt sein Sterbliches. Keine Tafel, kein Stein. Blumen, kleine Leberblümchen sind so angepflanzt, daß sie von oben nach unten gelesen den Namen Richard ergeben. Erika, Ginster und eine dunkle Holzleiste umrahmen das Mittelfeld.. ..

Als ich im September mit der Wiener Staatsoper nach London kam, hatte ich ihn nicht gekannt. Doch: seine Stimme hatte ich gekannt. Von Schallplatten. Aber wie dieser Mann singen kann, wie seine Stimme verzaubert, wußte ich erst, als ich zum erstenmal neben ihm auf dem Podium stand. Kurz nach der Ankunft unseres Ensembles in London, am 21. September, veranstaltete die Anglo-Austrian-Society ein Wohltätigkeitskonzert. Im ersten Teil sangen Richard Tauber und ich Mozart-Arien. Die Bildnisarie des Tamino hatte ich nie so vollendet singen gehört. Einige Tage später, nach unserer „Figaro“-Aufführung trafen wir ihn zufällig auf der Straße. Sein Auto stoppte, fast jungenhaft sprang er aus dem Wagen, lief auf uns zu, umarmte uns und rief mit überquellender Herzlichkeit: „Kinder! Schön habt Ihr gesungen! In all den Jahren habe ich so etwas Schönes nicht gehört. Wunderbar! Am 27. singe ich mit Euch. Ich freu‘ mich schon wie ein kleines Kind auf diesen ,Don Giovanni‘.“ Immer wieder betonte er, wie glücklich er sei, wieder mit der Wiener Oper auftreten zu können. Und dann sang er den Ottavio. Wir standen, wenn wir nicht gerade auf der Bühne beschäftigt waren, hinter den Kulissen und hörten fast andächtig zu. Hinreißend, faszinierend war die Schönheit dieser Stimme! Jung klang sie, frisch, keine Spur von Müdigkeit. Dieses unglaubliche Pianissimo, diese bestechende Atemtechnik. Er hatte nichts von seinem berühmten Mozart-Stil verloren, im Gegenteil. Reifer, verinner-lichter war seine Leistung.
Die Kollegen, die ihn von früher kannten, fanden ihn schlecht aussehend, aber niemand glaubte an eine wirklich schwere Krankheit. Er selbst am allerwenigsten. Seinen Angehörigen dürfte sein Zustand jedenfalls bekannt gewesen sein; seine sehr besorgte Frau, die englische Schauspielerin Dina Napier, saß mit dem Arzt im Parkett und hinter den Kulissen stand ein aufgeregtes junges Mädchen mit seinem Pelz, in den es ihn nach jedem Auftritt einhüllte.

Dann stand ich an seinem Grab, das noch die Kranzschleifen der österreichischen Bundesregierung, der Bundestheaterverwaltung und der Wiener Philharmoniker bedecken. Die Erinnerung, daß ich die letzte war, die noch mit ihm singen durfte, wird mich durch mein Leben begleiten.

Elisabeth Schwarzkopf