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Hat Oberösterreich Richard Tauber vergessen?

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v. 14.07.1968
Die Ganze Welt ehrt den Linzer Tenor, aber…

Hat Oberösterreich Richard Tauber vergessen?

Nur eine kleine Gedenktafel an seinem Geburtshaus – das ist der Dank der Stadt Linz an den begnadetsten Tenor unseres Jahrhunderts. Richard Tauber wird noch heute -20 Jahre nach seinem Tod – in aller Welt gefeiert, nur in Oberösterreich gerät er offenbar in Vergessenheit.
„Dein ist mein ganzes Herz“ sang Richard Tauber in „Land des Lächelns“, und die Frauenherzen flogen dem Künstler zu. Meinte der Künstler mit seinem Lied nur die Frauen? Richard Tauber sang es auch für seine Heimatstadt Linz, die er trotz seines bewegten Lebens im Ausland nie vergessen konnte.
In der Herrengasse 9, in einem kleinen, aber gemütlichen Zimmer, kam Richard Tauber am 16. Mai 1892 zur Welt. Damals hieß er noch Ernst Seiffert, seine Mutter war Soubrette am Linzer Landestheater und der Vater Schauspieler.
Am Höhepunkt seiner Karriere sagte Richard Tauber bei einem Galaabend zu Freunden: „Ich jage durch die ganze Welt, gastiere heute in Berlin, morgen in London und übermorgen in New York. Alle glauben, ich sei wunschlos glücklich, aber niemand kann ermessen, wie groß mein Heimweh ist. Einmal möchte ich noch nach Linz fahren, durch die Herrengasse spazieren, das Linzer Landestheater besuchen und dann in mein kleines Stammbeisl gehen, wo ich mich immer mit meinen Kollegen getroffen habe.“
Dieses Geständnis machte Richard Tauber wenige Monate vor seinem Tod. Kaum jemand in seiner Umgebung wußte, welch schweres Leiden den „Operettenkönig“ quälte und wie groß seine Sehnsucht nach Oberösterreich war.
Nicht jeder denkt in goldenen Zeiten an seine Heimat — um so mehr müßte die Treue Richard Taubers an Linz gedankt werden.
Doch Dr. Wacher vom Kulturamt Linz muß alle Fremden, die nach Erinnerungen an den großen Künstler suchen, enttäuschen: „Die Tafel an seinem Geburtshaus ist das einzige, was an Richard Tauber in Linz erinnert.“
Taubers Geburtshaus in der Herrengasse 9 ist heute ein Hotel. Im „Schwarzen Bären“ steigen die „Großen der Welt“ ab, und einer von ihnen kann das Glück haben, in jenem Zimmer zu schlafen, in dem Richard Tauber zur Welt kam, nur wissen kann er das nicht
Die Besitzerin Maria Rath: „Wir haben das Geburtshaus im Jahre 1927 umgebaut Damals wurde leider darauf vergessen, daß das Geburtszimmer einmal geschichtlichen Wert haben könnte.“
Selbst in der Festschrift des Landestheaters Linz wird Richard Tauber nur kurz geehrt. Und das, obwohl der Künstler ein Vorbild für alle Schauspieler, Sänger und vor allem für jeden Jugendlichen ist.
Von ganz unten, mit eigener Kraft kämpfte sich Richard Tauber empor. Im Jahre 1909 sang er in der Wiener
Hofoper vor. Doch der berühmte Wagner-Sänger Leopold Demuth schüttelte nur den Kopf: „Sie haben doch eine Stimm‘ wie ein Zwirnsfaden.“
Jeder andere Junge Mann hätte nach diesem Urteil aufgegeben, nicht aber Richard Tauber.
Er nahm sich vor, hart an sich zu arbeiten, noch härter als bisher. Zehn Jahre später, im Jahre 1919, versuchte er es ein zweites Mai. Diesmal in Berlin. Er debütierte als Alfred in der Oper „La Traviata“. Nach dem Auftritt kam der Inspizient in die Garderobe: „Der Intendant lässt Ihnen sagen,, Herr Tauber, daß er auf Ihre weiteren Vorstellungen verzichtet.“
Wortlos steckte der Linzer diesen Vorwurf ein. Resignieren? Nein. Ein echter Oberösterreicher läßt sidynicht unterkriegen! Und schon gar nicht von einem Berliner. Für Richard Tauber gab es nur einen Weg: aller Welt zu beweisen, daß er wohl ein guter Sänger sei.
Richard Tauber irrte sich. Er war kein guter Sänger. Er war ein Phänomen, wie zwei Jahre später selbst seine schärfsten Kritiker zugeben mußten.
Über Nacht lag Richard Tauber eine Welt zu Füßen. Sein ungebrochener Ehrgeiz, sein ununterbrochener Fleiß und seine ungeheure Willenskraft peitschten ihn zu unwahrscheinlichen Leistungen an.
Binnen kürzester Zeit war Richard Tauber der „Größte“ unter den Tenören.
Im Jahre 1926 sang Richard Tauber die Titelrolle in „Paganini“. Franz Lehär hatte extra für ihn das Lied „Gern hab‘ ich die Frau’n geküßt“ komponiert.
Erinnern Sie sich noch?
Das Lied wurde ein Bombenerfolg. Richard Tauber blieb Franz Lehär treu. Operetten wie „Zarewitsch“ (1927), „Friederike“ (1928) und „Land des Lächelns“ (1929) folgten. Filme wie „Herr Kammersänger“, „Ich glaub‘ nie mehr an eine Frau“ und „Das lockende Ziel“ brachten Tauber Ruhm und Millionen ein. Über 350 Schallplatten (also 700 Schlager) besang Richard Tauber. Er war der unumstrittene Frauenliebling Nummer eins.
Im Jahre 1929 waren die Anhänger Richard Taubers wie gelähmt Die Tagespresse berichtete: „Tauber hat seine Stimme verloren!“ und „Tauber lebensgefährlich erkrankt“. Es war keine Zeitungsente, sondern traurige Wahrheit Der Künstler mußte wochenlang sein Bett hüten, ein Gelenksrheumatismus lähmte ihn. Erst nach vier Monaten konnte sich der Sänger wieder bewegen, doch nur unter größten Kraftanstrengungen hielt er auf der Bühne durch. Niemand im Zuschauerraum merkte Tauber die Schmerzen an, denn der Sänger lachte und sang immer aus ganzem Herzen!
Trotz seines schweren Leidens hetzte Tauber weiter. Von Konzert zu Konzert 1933 mußte er schließlieh Deutschland verlassen. Der Tenor reiste nach Wien, nicht ohne vorher in Linz Station gemacht zu haben. 1938 mußte er von seiner Heimat endgültig Abschied nehmen. Er emigrierte nach London. Der Erfolg blieb ihm weiterhin treu, doch Linz, die Herrengasse und sein Stammbeisl konnte ihm niemand ersetzen, auch seine Frau Dinana Napier nicht
Am 27. September 1947 gastierte die Wiener Staatsoper mit „Don Giovanni“ in London. Als Ottavio war Anton Dermota vorgesehen. Als der Sänger erkrankte, bot sich Richard Tauber an. „Es ist meine letzte Chance, um meiner Heimat verbunden zu sein“, sagt er damals zu seiner Frau – es war sein letzter Auftritt Am 8. Jänner 1948 starb er. An Krebs.
Erst vier Jahre später montierte die Stadt Linz eine Erinnerungstafel an sein Geburtshaus. Das war der Dank an Richard Tauber.