Einträge: Beiträge | Kommentare

Dresdner Operngeschichte (16.9.1976)

Keine Kommentare


Dresdner Operngeschichte (6) 16.9.1976

Umjubelter Richard Tauber

Richard Tauber und Dresden ist kein sehr großes Kapitel im Leben dieses Künstlers, wobei es ist ein sehr wesentlicher Abschnitt, denn mit seinem Wirken an der damaligen Dresdner Hofoper begann der Tenor seine glanzvolle internationale Karriere.
In fast allen Lexika der vergangenen Jahrzehnte stand als Geburtsjahr Richard Taubers 1882 vermerkt. Das stimmt nicht: Otto Schneidereit hat in seinem 1974 erschienenen Buch „Richard Tauber“ Ein Leben – eine Stimme“ (VEB Lied der Zeit) eindeutig nachgewiesen, dass Richard Tauber am 16. Mai 1891 in Linz geboren wurde. Er wäre also in diesem Jahre 85 Jahre alt geworden. Richard Tauber musste bereits 1948 von der Bühne des Lebens abtreten. Damals lebte er als Emigrant in London. Es war ein Sängerleben, das geprägt wurde durch die Zeitereignisse des 20. Jahrhunderts mit dem Wahnsinn des faschistischen Interregnums zwischen 1933 und 1945.
Als Richard Tauber in Linz geboren wurde, wirkte seine Mutter am dortigen Stadttheater als Operettensoubrette. Der Vater Richard Anton Tauber arbeitete als Schauspieler, der sich als Bonvivant. Charakterdarsteller und heldischer Liebhaber einen so klangvollen Namen erworben hatte, dass er später als Intendant nach Chemnitz verpflichtet wurde. Es gab für den jungen Richard Denemy (er nannte sich nach dem Namen seiner Mutter) nur ein Ziel: Sänger zu werden. Eine Stimmprüfung an der Staatsoper Wien endete negativ: „Ein Zwirnsfaden, aber keine Stimme!“, lautete das niederschmetternde Urteil von Kammersänger Leopold Demuth. Aber auch Kammersänger können sich irren! Ein geregeltes Musik- und Gesangsstudium in Frankfurt (Main). Freiburg und Basel schlossen sich an. Tauber hatte die Fächer Klavier, Komposition, Dirigieren und später (in Wiesbaden) Gesang belegt und absolvierte sie mit Erfolg.
Es war im Jahre 1912, als Vater Tauber in Chemnitz sein Wirken als Intendant begann, und so ergab es sich gleichsam von selbst, dass C. Richard Tauber (das „C“ sollte ihn vom Vater unterscheiden!) am 2. März 1913 zum ersten mal als Tamino in Mozarts „Zauberflöte“ auf der Bühne des Stadttheaters Chemnitz stand. Der „rein zufällig“ anwesende Intendant der Hofoper Dresden, Graf Seebach, war angetan und bot dem jungen Tenor einen Fünfjahresvertrag nach Dresden. Vater Tauber schmunzelte. Er hatte mit Erfolg „Schicksal“ gespielt! Am 1. August 1913 begann Taubers Vertrag in Dresden. Seine Antrittspartie war der Alfonso in „Die Stumme von Portici“. Das war am 31. August.
In Dresden sang sich Richard Tauber schnell in die erste Reihe der namhaften Solisten, wurde bereits 1916 zum Königlich-Sächsischen Kammersänger ernannt und gestaltete neben Mozartpartien vorwiegend die lyrischen und jugendlich-dramatischen Partien in den Opern von Puccini. Verdi und Bizet. Tauber war in Dresden ein so begehrter und beliebter Sänger, dass im Jahre 1918 sein Vertrag um fünf Jahre verlängert werden konnte. Doch als nach umjubelten Gastspielen 1922 die Staatsoper Wien lockte, sagte Tauber spontan zu. Die hohe Konventionalstrafe muhte schweren Herzens bezahlt, werden. Salzburg brachte triumphale Erfolge als lyrischer Mozarttenor. Bald mussten sich Wien und Berlin den Tauber „teilen“, denn der Sänger hatte inzwischen Meister Franz Lehar kennengelernt, der für ihn (gleichsam für seine Stimme maßgeschneidert) eine Erfolgsoperette nach der anderen komponierte.
Noch einmal sollte Dresden im Leben Richard Taubers eine Rolle spielen: Im Jahre 1926 rettete er die deutsche Erstaufführung von Puccinis „Turandot“ in letzter Minute. Mit dem Tode Taubers war eine der schönsten Tenorstimmen verklungen, die heute noch von uns bewundert wird, auch wenn es nur Schallplatten sind, die uns einen Abglanz der lebendigen Stimme vermitteln.
Gottfried Schmiedel