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Die musikalische Molkerei

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Begegnung mit Richard Tauber

So etwas hat es tatsächlich in der alten Kaiserstadt Wien vor dem Ersten Weltkrieg gegeben, und zwar in der Giselastraße im 1. Bezirk, knapp neben der Abfahrtsstelle der Badner Elektrischen. Es war kein großes, aber sehr gemütlich eingerichtetes Lokal mit Tischchen mit weißen Marmorplatten, auf denen immer kleine Vasen mit frischen Blumen standen.
Der Inhaber war ein gewesener Ökonomieverwalter der Fürst-Ester-häzyschen Güter in Eisenstadt, damals noch zu ‚Ungarn gehörend. Von dort bezog er seine stets frische Waren an Milch und ihren Produkten, wie Butter, Rahm, Obers usw. Dazu bot er frisch gebackenes Hausbrot, eine irdische Herrlichkeit; für die hungrigen Musenschüler beiderlei Geschlechts des nahe gelegenen Konservatoriums im Musikvereinsgebäude und der damals neugegründeten Akademie für Musik und darstellende Kunst in der Lothringenstraße. Meist talentierte, aus vornehmen, wohlhabenden Familien aus diversen Kronländern der Monarchie, die sich alle eine große Karriere erhofften. Auch prominente Mitglieder der ehemaligen Hofoper verirrten sich in die Molkerei, mit Respekt und Bewunderung von den jungen Museneleven betrachtet.
So geschah es an einem schönen Frühlingstag, als ich mit Milka Ivanovics, einer rotblonden Schönheit slawischen Typs aus Agram mit einer herrlichen Sopranstimme (ein Double quasi der bereits berühmten Maria Jeritza), das Lokal betrat. Als Medizinstudent konnte ich gelegentlich hie und da bescheidene Ratschläge erteilen, die, in etwas zweideutigen Humor gekleidet, rege Heiterkeit auslösten. Wir sahen an einem Tisch allein einen jungen Mann mit Monokel, deprimiert vor sich hin brütend, sitzen, sein Glas Saure schlürfend. Wir nahmen, um Entschuldigung bittend, Platz an seinem Tisch und stellten uns vor. Es war Richard Tauber. Mit Neugierde fragte ich: „Ist Ihnen unwohl, sind Sie etwa krank? Ist Ihnen vielleicht etwas Unangenehmes passiert?“
„Danke für das Interesse“, sagte er. „Ich war bei einem Mitglied der Hofoper probesingen, sein Urteil war vernichtend: ,Sie haben ka Stimm, ka Material, bleiben S bei Ihrem Last, aus Ihnen wird kein Opersänger!‘ Und als ich auf die Wiedner Hauptstraße herauskam, drehte sich alles um mich, mein Einglas fiel mir herunter, zerbrach aber nicht.“
„Dies ist ein gutes Omen“, erwiderte ich, ‚„bitte verzweifeln Sie nicht, junger Mann, vielleicht hat sich der Herr Kammersänger in seiner Prognose geirrt, eventuell einen gewissen Neid oder Ironie verbergend. Probieren Sie noch einmal, zum Beispiel bei Frau Professor Rosa Papier-Paoimgar-ten, eine erstklassige Gesangspäd-agogin, hier im Konservatorium.“
Taubers Gesicht erhellte sich sofort. Er dankte für meinen Rat, und nachdem wir unsere Saure mit Butterbrot verzehrt hatten, verließen wir das Lokal.
Lange darnach hörte ich nichts von Tauber, doch seiner Sängerlaufbahn stand nichts mehr im Wege. Fräulein Ivanovics, mein Ideal, wurde an die Königliche Oper in Belgrad engagiert und später an die Metro in New York. Richard Tauber war ein glänzender Tenor und Filmstar geworden, erhielt den Kammersängertitel, wurde ein treuer Freund Franz Lehárs und bester Interpret Lehárscher Operettenrollen. 1934, gelegentlich eines Gastspieles Richard Taubers an der Budapester Oper, trafen wir uns ganz zufällig bei einem Taxistand, erkannten uns sofort. Ich diente ihm, da ich Ungarisch sprach, als Dolmetsch. Wir erinnerten uns an die merkwürdige Episode in der „musikalischen Molkerei“ in der Giselastraße in Wien.
Nach ein paar Jahren friedlichen, glücklichen Wiener Theaterlebens kamen 1938 die verhängnisvollen Ereignisse, und wie viele andere mußte auch Tauber Wien, die Stadt der Träume, verlassen und starb relativ jung in der Emigration in London im Jahre 1946.

Dr. L. B. Banat