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Die geliebteste Stimme

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aus „Die Frau“, 7.Mai 1966 , Österreich

Die geliebteste Stimme

Anläßlich des 75. Geburtstages von Richard Tauber

Jener Sänger, der mit seiner Stimme, dem bestrickendsten Wohlklang von Tongebung, dem verhauchenden Piano, dem unerreichten Falsett noch immer in der Erinnerung seiner Hörer in mittleren und älteren Jahren lebt, würde am 16. Mai 1966 75 Jahre alt geworden sein … Noch immer ist bei diesem Publikum diese Stimme unvergessen geblieben, die uns heute nur noch aus Tonbändern und Schallplatten ertönt. In jener gewitterschwülen, Unheil ahnen lassenden Zeit zwischen den beiden Weltkriegen leuchtete sein Stern auf, war er der Sänger einer Epoche, die noch dem Wohlklang in der Musik huldigte, wenn es auch politisch die ärgsten und mißtönendsten Dissonanzen in der Welt gab!
Im Gegensatz zu heute konnte damals auch auf dem Gebiet der Unterhaltungsmusik schöne, wohlklingende Melodie Triumphe er-zielen^iier „Sänger dieser Melodie Idol einer Jugend werden, die noch keine Beatles und ähnliche Modeerscheinungen unserer Zeit kannte.

Richard Tauber, der am 16. Mai 1891 in Linz geboren wurde, hatte von beiden Elternteilen her Theaterblut in sich. Sein Vater war Intendant des Chemnitzer Stadttheaters, seine Mutter eine in Linz recht populäre Soubrette. Bald erkannte man sein Bühnentalent und vor allem das Volumen einer begnadeten Gesangsstimme. Also studierte er Gesang — genoß dazu Bühnenunterricht und dann kamen für ihn Lehr- und Wanderjahre, die ihn kreuz und quer durch Deutschland und Österreich brachten. Richard Tauber war damals mit Leib und Seele der Oper verbunden, vor allem seinem Lieblingskomponisten Mozart!
In zahlreichen Konzerten, die er gab, huldigte er neben dem Genius Mozart auch den Werken des Liederfürsten Franz Schubert, wobei er sich als vollendeter Interpret des deutschen Liedes erwies! So machte er sich allmählich durch diese Konzerttourneen einen Namen und wurde — scheinbarer Höhepunkt der Karriere eines Sängers — an die Wiener Staatsoper engagiert. Hier ging ihm schon der Ruf eines ausgezeichneten Mozartsängers voraus und tatsächlich zeigte er sich dieses Rufes würdig. Schon gab es eine große Anzahl von Richard-Tauber-Enthusiasten, die ihm lebhaft zujubelten. Auch seines Anteils am Erfolg von Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ soll hier gedacht sein, wo er mit Lotte Lehmann ein Duett „Glück, das mir verblieb“ so hinreißend schön sang, daß das Abhören der betreffenden Schallplatte noch heute selbst hartgesottenen Hörern Tränen in die Augen zu treiben vermag!
Richard Tauber hätte wohl allergrößte Karriere an der Oper gemacht, wenn er nicht mitten im Aufbau dieser Karriere das Institut plötzlich verlassen hätte, um sich — der Operette zuzuwenden, besonders weil sein Freund Franz Lehä^ auf dem Gebiet der Operette die ihm und deinem Organ so richtig angepaßten Lieder schuf. Dazu kam, daß ihn Direktor Karscag mit einer ungeheueren Gage lockte. Schon sein erstes Auftreten am Theater an der Wien in Lehärs „Frasquita“ gestaltete sich zu einem Sensationserfolg, der sich noch steigerte, als er nachher in Wien und Berlin die Hauptrollen aller jener Operettenschöpfungen sang, die Lehärs zweite Blüte seines Schaffens darstellen und alle auf Richard Taubers Stimmkraft und Persönlichkeit zugeschnitten sind. So brillierte Tauber als Lehärsänger in „Paganini“, „Friederike“, „Zarewitsch“, „Schön ist die Welt“ und vor allem in „Das Land des Lächelns“, wo er das berühmte „Dein ist mein ganzes Herz“ sang, das als größter Erfolg, den je eine Einzelnummer in einer Operette hatte, angesehen wird und durch Taubers einzigartigen Vortrag Rekordumsätze an Noten und Schallplatten erzielte.
An der Seite Lehárs zog Tauber schließlich wieder in die Staatsoper ein, wo er gemeinsam mit Jarmila Novotna Lehárs letztes Werk „Giuditta“ kreierte … Selbst in den heiligen Hallen der Oper riß das „Tauberlied“ dieser Operette „Du bist meine Sonne!“ die Zuhörer zu brausendem Jubel hin. Tauber hatte sich ein kostspieliges Leben zurechtgelegt — verbrauchte Unsummen und mußte sie daher auch verdienen. Damals auf der Höhe se Wirkens floß ihm auch das Geld zu… Schallplattenindustrie stürzte sich auf die Wundersänger — gab ihm allerdings mam zu singen, was dieser begnadeten Stimme nicht recht würdig war… Aber Tauber schaffte es doch, selbst einen durchschnittlichen Schlager durch sein Organ zu veredeln… Er wurde auch Filmstar und komponierte schließlich eigene Operetten. Am Theater an der Wien hatte sein „Singender Traum“, mit ihm selbst in der Hauptrolle großen Erfolg. Dann kam der Umbruch in Deutschland und er folgte seiner englischen Gattin Diana Napier nach London, wo er mit offenen Armen aufgenommen wurde, auf der Bühne, im Film und auf dem Gebiet Schallplatte große Erfolge errang, Orchester dirigierte und auch mit einer gelungenen Operette eigener Fechsung „Old Chelsea“ hervortrat, dessen „Tauberlied“ — „My heart, and I“ — zu einem großen englischen Schlager wurde… Dann erkrankte er — sein Leiden wurde zu spät als Lungenkrebs erkannt.. In diesen Tagen träumte er davon, noch ein an der Wiener Oper zu singen … Aber da konnte — es war kurz nach dem zwe Weltkrieg, wo die Wiener Oper in Trümrr lag — keine Rede sein …

Wohl kam er nicht mehr nach Wien, aber die Wiener Oper kam zu ihm nach London wo er bei einem Gastspiel unserer Oper in Covent Garden an der Seite einstiger Kollegen noch einmal seinen geliebten Mozart, Octavio in „Don Giovanni“, singen könnt Er hielt die Vorstellung durch, obwohl nach seinem Auftritt hinter den Kulissen umzusinken schien. Sofort nach der Vorstellung mußte er in die Klinik, die er nicht wieder verließ… Am 8. Jänner 1948 starb er… Kaum jemand, der diese herrliche Stimme heute aus Schallplatte oder Tonband hört, den nicht Wehmut beschleicht…

Peter H e r z