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Teil V – Diana Napier über Richard Tauber

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Lesen sie die Erinnerungen Diana Napiers, an Richard Tauber, aus der Zeitschrift „Revue – Die Weltillustrierte“, erschienen als Fortsetzungsgeschichte in fünf Teilen, im Jahre 1949.

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Fünfter und letzter Teil

Diana Napier – Dein ist mein ganzes Herz

Ins Deutsche übertragen von Catharina von Mayer

Richard nannte das Jahr 1931 immer sein glücklichstes. Es endete aber doch mit einem bedauerlichen Zwischenfall, der seine große Popularität in London für lange Zeit gefährdete. Er sollte an einem Sonntag in der Albert Hall singen. Mit großen Hoffnungen sah er diesem Ereignis entgegen, wollte er doch dabei den Londonern sein Können auch auf anderen Gebieten, als dem der Operette zeigen.
Das letzte Konzert in der Provinz sollte in Birmingham stattfinden, aber ein paar Tage vorher trat plötzlich eine Kehlkopfentzündung bei Richard auf. Voller Besorgnis um sein Auftreten in London bat er die Veranstalter des Konzertes in Birmingham, das Konzert zu verlegen. Aber leider fand man es unmöglich, abzusagen. Am Sonntagmorgen entdeckte Richard zu seinem Entsetzen, dass seine Stimme absolut weg war: er konnte kaum ein heiseres Flüstern hervorbringen. Sofort wurde der Arzt gerufen, aber angesichts seines Zustandes sah Richard keine Möglichkeit, seinen Verpflichtungen am Nachmittag nachzukommen.
Aufgeregte Anrufe bei der Albert Hall ergaben, dass bis kurz vor Beginn des Konzertes keine maßgebende Persönlichkeit zu erreichen sei. Während ein endloser Menschenstrom sich auf den Weg nach Kensington machte, saß Richard völlig verzweifelt in seinem Hotelzimmer. Wiederholte Versuche, einen Ton hervorzubringen, schlugen völlig fehl.
Das Konzert sollte um drei Uhr beginnen. Es war 2.45 Uhr, als plötzlich Beamte der Albert Hall in sein Appartement im Hotel gestürzt kamen und eine sofortige Erklärung verlangten. Er flüchtete in ein anderes Zimmer, schloss sich ein und brach in Tränen aus.
Es war natürlich, dass die Absage des Konzerts einen Sturm der Entrüstung bei Publikum wie Presse hervorrief. Richard wusste, dass seine Popularität durch diesen unglückseligen Vorfall einen furchtbaren Stoß erhalten hatte. Lange vergaßen ihm die Londoner nicht, was ihnen ein Mangel an Verlässlichkeit und als ,Starallüren‘ erschienen.
Traurigen Herzens verließ Richard zwei Tage später London. Es dauerte Jahre, bis er dieses verunglückte Konzert in der Albert Hall verwand; dieser Vorfall ist wahrscheinlich auch verantwortlich dafür, dass sein Operndebut in Covent Garden bis 1938 verschoben wurde.
Zum Glück musste Richard sich bald mit anderen Dingen beschäftigen. Weihnachten stand vor der Tür, und mit ihm die nächste Premiere im Metropol-Theater in Berlin. Zum ersten Mal nach vielen Jahren sollte es eine Operette sein, die nicht von Lehár stammte!

7. Kapitel – Am Ende einer glorreichen Zeit

Lehárs Beziehungen zu der Direktion des Metropol-Theaters hatten sich sehr zugespitzt. Der alte Meister hatte sich nach Ischl zurückgezogen und seine Briefe an Richard zeigten deutlich, dass er die Unruhe des Theaterlebens und alle damit verbundenen Plagen gründlich satt hatte. Er war so erbittert über die beständigen Auseinandersetzungen mit den Brüdern Rotter, dass er es ablehnte, irgendwelche weitere Zusammenarbeit mit ihnen auch nur in Betracht zu ziehen.
Diese Entfremdung versetzte Richard in eine peinliche Lage. Er war seit 1929 durch einen Vertrag an die Brüder Rotter gebunden. Bei seiner Rückkehr von London hatte er gehofft, dass sich die Streitigkeiten zwischen Lehár und der Direktion des Metropol-Theaters erledigt hätten, so dass er wie üblich mit einer Lehár-Premiere seine Arbeit Wiederbeginnen könne; aber die Lage entsprach nicht seinen Plänen. Lehárs ,,Schön ist die Welt“ sollte in Wien gespielt werden, und jedermann erwartete, dass Richard die führende Partie übernehmen werde. Stattdessen sollte er in einer neuen Operette, „Das Lied der Liebe“, die zu Weihnachten im Metropol-Theater in Berlin erscheinen sollte, auftreten.
Richards Eingangslied war „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Kaum waren die ersten Töne erklungen, lehnte sich das Publikum in seine Sessel zurück, befriedigt in der angenehmen Erwartung, Zeugen eines neuen Tauber-Triumphes zu werden. Selbstverständlich hatte Korngold auch für ein echtes .Tauberlied‘ gesorgt, ,,Du bist mein Traum“. Richard musste es das übliche halbe Dutzendmal wiederholen. „Das Lied der Liebe“ war unbestritten ein großer Erfolg; es lief bis Ostern 1932 im Metropol.
Bis jetzt hatte der Aufstieg der Nazis noch keinen so beunruhigenden Charakter angenommen, dass sich Richard um seine eigene Zukunft Gedanken gemacht hätte. Allerdings begannen einige Parteiblätter unter Hinweis auf sein anscheinend riesiges Einkommen, ihn anzugreifen. Aber selbst, wenn gelegentlich seine rassische Abkunft erwähnt wurde, fühlte sich Richard nicht weiter betroffen. Sein Großvater hatte zwar der jüdischen Religion angehört, aber sein Vater war der katholischen Kirche beigetreten, und auch Richard gehörte ihr seit seiner Geburt an, war in ihr erzogen und blieb ihr treu ergeben. Selbst als Hitlers SA die Straßen zu beherrschen begann, erwartete Richard noch nicht, dass er bald darauf zur Hauptzielscheibe ihres Hasses werden würde.
Das verhängnisvolle Jahr 1933 begann ziemlich friedlich. Mitte Januar sollte Richard in einer neuen Operette auftreten, deren Komponist, Jaromir Weinberger, sich einen Namen in der Opernwelt gemacht hatte durch „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“. Er hatte sich nun auf das Gebiet der leichten Musik gewagt und ein Werk geschrieben, in dem Richard die männliche Partie singen sollte. Das große .Tauberlied‘ „Du wärst für mich die schönste Frau“ bildete den stürmischen Abschluss des Abends. Die Novotna war Richards Partnerin. Es war ein faszinierender Abend für die Zuhörerschaft, diese glänzende Frau mit all der Ausdrucksfähigkeit einer Schauspielerin und mit einer Stimme, der sehr wenige Sängerinnen ebenbürtig waren.
Damit endeten Richards Vorstellungen auf der deutschen Bühne. Die Operette lief einige Wochen — dann kam der März 1933 und mit ihm Hitler und die Nazis! Es kam auch für Richard das Exil von dem Land, das seinen Aufstieg zur Höhe des Ruhmes erlebt hatte. Obwohl er schon seit vielen Monaten mit Hass verfolgt wurde, bestand noch keine persönliche Gefahr für ihn, aber er wusste, dass das Ende gekommen war.
Im Frühjahr 1933 unternahm Tauber eine ausgedehnte Tournee durch die europäischen Städte, die ihn von Zürich über Monte Carlo und Lugano nach Holland und Skandinavien führte, unter sorgfältiger Umgehung der Grenzen des Reiches.
Als er im September 1933 zu einer kurzen Vorstellungsreihe von ,,Lilac Time“ (Das Dreimäderlhaus) im Aldwych-Theater nach London zurückkehrte, spürte er, dass er eine zweite Heimat gefunden hatte. Obwohl er auch aus den Vereinigten Staaten lockende Angebote erhielt, zog er doch London vor, weil er zögerte, Europa ganz zu verlassen. Es gab noch Wien, Lehár und all seine Freunde, es gab die Schweiz, Frankreich, Holland und Skandinavien, wo er zahllose Triumphe gefeiert hatte und wohin er jederzeit zurückkehren konnte.
Doch als ihn die Ereignisse aus Deutschland ausschlossen, übte Wien eine umso größere Anziehung auf ihn aus. So eilte er Mitte Dezember 1933 nach Wien zur Premiere von „Giuditta“, die als besondere Ehrung Franz Lehárs in der Staatsoper aufgeführt werden sollte.
Als der Vorhang nach der ersten Aufführung am 20. Januar 1934 fiel, stellte das Publikum fest, dass es, abgesehen von einigen schönen Liedern, nichts Außergewöhnliches erlebt hatte. Die Handlung hatte große Schwächen, vor allem das Fehlen jeden Humors; stattdessen herrschte jene resignierte Stimmung, die geradezu ein Merkmal für die letzten Werke des Meisters geworden war.
Inzwischen wurde in Wien auch die Premiere von Taubers eigener Operette, der „Singende Traum“, vorbereitet. Gleichzeitig drehte er in England das Dreimäderlhaus (Blossom Time). Dies zwang Richard, zwischen London und Wien hin- und herzupendeln. Die „Doppelrolle“ brachte es mit sich, dass der .Filmstar‘ Tauber nicht in der Lage war, der Uraufführung seines besten Films beizuwohnen, weil der .Komponist‘ Tauber mitten in den letzten Proben für seine erste Operette steckte. Die zwei Premieren fanden nur mit einem Zwischenraum von einer Woche statt: und beide wurden ein großer Erfolg.
Tauber hatte jetzt fast acht Monate an der Donau verbracht, doch nun erforderte der Erfolg von ,Blossom Time‘ seine Rückkehr nach England, wo bereits Pläne für einen neuen Film gereift waren. So traf er im Frühjahr 1935 in London ein, ein paar Tage bevor er in der Albert Hall singen sollte.

8. Kapitel – Mein Leben mit Richard.

Die Veranlassung zu unserem ersten Zusammentreffen war die Uraufführung eines Films, ,Mimi‘, in dem ich mit Gertrude Lawrence und dem jüngeren Douglas Fairbanks spielte. Ich saß natürlich neugierig und mit schwer zu unterdrückender Aufregung in meinem Sessel, aber kurz ehe das Licht ausging, ließ ich meine Blicke zerstreut über die nächsten Reihen schweifen. Plötzlich gewahrte ich das freundliche Gesicht eines behäbigen Mannes, der mich lächelnd ansah. Ich hatte keine Ahnung, wer es war, und lächelte ausdruckslos zurück. Bald begann der Film und zog meine Gedanken auf wichtigere Dinge.
Nach Schluss der Vorstellung hatte die Filmgesellschaft einen Empfang arrangiert; als ich die Treppe hinaufstieg, entdeckte ich den jungen Fairbanks im Gespräch mit einem Fremden. Ich wandte mich an eine Freundin, um nach seinem Namen zu fragen, worauf sie mit erstauntem Lächeln antwortete; „Meine Liebe, das ist Richard Tauber!“

Bald danach brachte ihn Douglas zu mir und stellte ihn mir vor. Er redete in einem wunderlichen Durcheinander von gebrochenem Deutsch, Französisch und Englisch.
Ich verbrachte einige Tage im Norden, wo ich auftreten musste. Inzwischen hatte Richard mehrmals versucht, mich in meinem Heim in Elstree anzurufen. Als ich bei meiner Rückkehr die Türe öffnete, läutete das Telefon. Es erscheint mir immer noch als ein sonderbarer Zufall dieser Anruf im Augenblick meines Eintretens. Anfangs konnte ich mich gar nicht an .Herrn Tauber‘ erinnern, erst allmählich dämmerte es mir, dass es meine Bekanntschaft von der Filmpremiere war. Er frug mich ohne weitere Einleitung, ob ich eine Rolle in seinem nächsten Film haben möchte. Das kam so unerwartet, dass ich zuerst nicht wusste, was ich sagen sollte. Aber dann sagte ich zu. ihn und Walter Mycroft am Nachmittag in den B.I.P.-Studios zu treffen.
Dieser Unterhaltung folgten andere, und je öfter ich Richard sah. desto sympatischer wurde er mir. Es regnete Einladungen zu Frühstücken, Theater und Kino; jeden Tag erhielt ich Blumen, und wenn unsere Arbeit uns trennte, verbrachten wir unendliche Zeit mit Telefongesprächen.
Eines Abends gingen wir in ein Kino in Putney, um „Blossom Time“ anzusehen. Richard wurde aufgefordert, ein paar Worte zu sagen. . . und was tat er? Er verkündigte ohne weiteres der Versammlung unsere Verlobung. Wenige Stunden später erschien die Neuigkeit als Kopfzeile in Zeitungen der ganzen Welt.
Doch nun tauchte eine Schwierigkeit auf. Es wurde nämlich jetzt entdeckt, dass Richards Scheidung von Carlotta Vanconti noch nicht von den österreichischen Gerichten bestätigt war; es wurde also nötig, die Gesetzesmaschine in Gang zu setzen, bevor ich ,Mrs. Richard Tauber‘ werden konnte. Wir ahnten nicht, dass es ein ganzes Jahr dauern würde, bis das Urteil gefällt war. durch das er frei wurde.
Ende 1935 musste Richard nach Wien zurück. Zwei wichtige Ereignisse machten sein? Rückkehr notwendig. Erstens musste er seinen Vertrag mit der Oper erfüllen, und zweitens hatten die Scheidungsverhandlungen gegen seine erste Frau ein Stadium erreicht, das seine Gegenwart beim Gericht notwendig machte.
Die nächsten Monate vergingen wie ein Traum. In Wien war Richard in seinem Element. Ihn dort zu sehen und zu hören, ließ mich erkennen, wie fremd ihm London anfangs gewesen sein musste, trotz aller Triumphe und Erfolge. In Wien fühlte er sich ganz zu Hause. Da waren Franz Lehár, Oskar Strauß, Emerich Kaiman, da waren die berühmten Kollegen der Staatsoper und des „Theaters an der Wien“.
Da waren die unvergesslichen Aufführungen in der Oper; die Abende in Grinzing, die Besuche in Salzburg und Ischl.
Auch Salzburg liebte Richard über alles Für mich war der Besuch dieser Stadt besonders bedeutungsvoll, weil ich seine Mutter dort kennenlernen sollte. Sie war damals fast neunzig Jahre alt. Für ihr Alter war sie erstaunlich lebendig; jede ihrer Bewegungen verriet, dass ihre Bühnenvergangenheit noch stark in ihr lebte.
Endlich Mitte März 1936 kamen die Scheidungsverhandlungen zum Abschluss, und nun war es nur noch eine Sache von zwei oder drei Monaten bis Richard und ich heiraten. konnten. Inzwischen war der Tag unserer Hochzeit gekommen. Sie fand am 20. Juni statt. Für mich war es der glücklichste Tag meines Lebens. So wurde ich ,Mrs. Tauber und auch — ich muss gestehen, zu meiner Überraschung — österreichische Staatsbürgerin!

9. Kapitel – Heimatlos

Während unserer monatelangen Abwesenheit von England hatte ein reger Austausch von Briefen, Telegrammen und Telefongesprächen mit London stattgefunden, hauptsächlich die fortschreitende Produktion von Lehárs „Paganini“ betreffend, worin Richard die Titelrolle singen sollte.
Wie erwartet, begegnete der Plan, Tauber als Paganini auftreten zu lassen, einer gewissen Kritik in der Presse. Trotz meiner beständigen Bemühungen, Richards Taillenumfang zu reduzieren, hatte sein Gewichtsverlust bei weitem nicht ausgereicht, um ihm auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit dem zu geben, was er scherzhaft eine .englische Figur‘ nannte. Er hörte zwar auf meine Ratschläge für seine Diät, stimmte meinen Vorschlägen feierlich bei, aber sobald ich den Rücken kehrte, schlich er in die Speisekammer oder ging auf die Suche nach einer Schachtel Süßigkeiten.
Die Premiere war vielversprechend; zweifellos hatte Cochran, wie so oft schon, einen Treffer gemacht. Die Presse erwähnte zwar die mangelnde Eignung der Geschichte, aber sie gab „Paganini“ trotzdem eine ausgezeichnete Note und fand weder an der Aufführung noch an den Darstellern etwas auszusetzten.
Bald jedoch begann der Verdruss. Die Einnahmen der Theaterkasse gingen auf beängstigende Weise zurück, trotz Begeisterung der Öffentlichkeit und Gönnerschaft des Hofes — die Königin Mary hatte ein r besonderen Galavorstellung zugunsten von Krankenhäusern beigewohnt. Schließlich ging Cochran darauf ein, Richards Angebot, die Kosten zu garantieren, zu überlegen, und das Ensemble brachte Richard für seine großmütige Geste eine begeisterte Ovation Jedoch trotzdem diese dramatischen Ereignisse eine plötzliche Welle des Interesses nach sich zogen, sanken die steigenden Einkünfte bald wieder, so dass .Paganini‘ in der ersten Juliwoche ziemlich kümmerlich vom Lyzeum schied.
Ich hatte die Pressenotizen, die Richard nach seiner ersten Konzertreise durch die Vereinigten Staaten erhalten hatte, aufmerksam studiert, so dass mich unser Empfang, als wir Mitte November in New York eintrafen, nicht überraschte.
Für mich war unser Besuch in Hollywood besonders interessant. Die Bewohner der Kolonie überhäuften uns mit Aufmerksamkeiten, allen voran Marlene Dietrich, eine der treuesten Freundinnen Richards; nicht weniger Ernst Lubitsch, vor vielen Jahren Deutschlands bester Charakterkomiker.
Jene Tage in Kalifornien gehören zu unseren wertvollsten Erinnerungen.
Der Höhepunkt der Amerika-Tournee war der 15. Dezember, der Tag vor unserer Abreise nach Europa. Zu unserer Überraschung erhielt Richard eine Einladung ins Weiße Haus, um vor dem Präsidenten und seinen Freunden zu singen. Er verbrachte dort einen unvergesslichen Abend und erhielt als Anerkennung gerahmte Photographien von F. D. und Eleanor Roosevelt. Dies erschien ihm immer als die größte Ehrung, die ihm während seiner Laufbahn zuteil geworden war.
Der nun folgende Aufenthalt in Italien war als Rundreise durch das ganze Land mit verschiedenen Operetten geplant, vor allem mit .Dreimäderlhaus‘ und .Land des Lächelns‘.
Die Vorstellungen sollten am 10. März 1938 in Mailand beginnen, aber kurz vorher spielte Richards Kehlkopf ihm wieder einen Streich. Er wollte Mailand am 11. mit dem Nachtzug verlassen, um zu seinem Halsspezialisten nach Wien zu fahren! sein Koffer war gepackt, aber dramatische Ereignisse vereitelten seine Pläne.
Während dieser Tage war ich immer besorgter über die Lage in Österreich geworden.
In meiner Verzweiflung rief ich einen uns befreundeten Diplomaten an und bat ihn um seine Meinung. Als er von Richards Wiener Plan hörte, riet er sehr energisch davon ab, weil er überzeugt war, dass Hitler jeden Augenblick das Land besetzen könne.
Als ich ihm den Ernst der Lage vorstellte und ihn an seinen falschen Optimismus in früheren Jahren erinnerte, willigte er schließlich ein, die Reise bis zum nächsten Morgen zu verschieben Er murmelte immer wieder vor sich hin: „Hitler in Österreich einmarschieren? Ausgeschlossen!“
Ich war am Morgen sehr viel ruhiger. Ich machte die Tür des Badezimmers auf, um Richard ein Scherzwort zu sagen. Er saß vor seinem Spiegel und ließ sich rasieren, doch meine heiteren Worte begegneten bedrohlichem Schweigen. Nach einer langen Pause wandte er sich zu mir und sagte „Hitler ist in Österreich einmarschiert“. Das waren die letzten Worte, die ich in den nächsten drei Tagen hörte. Er schloss sich in seinem Zimmer ein und wollte niemand sehen, nicht einmal mich.
Kurz danach brachen wir von Neapel aus zu einer Tournee auf, die uns nach drei Erdteilen führen sollte und von der wir erst 1938 zurückkehrten. Wir waren beide froh, dem sturmbewegten Europa den Rücken kehren zu können.

10. Kapitel – In elf Monaten um die Erde

Beim Rückblick auf jene märchenhaften Tage in Australien, finde ich es beinahe unmöglich, die enthusiastische Begrüßung zu beschreiben, die meinem Gatten überall, wo er sich auch zeigte, zuteilwurde. Nach seinem ersten Konzert in Melbourne schien das ganze Programm in Unordnung zu geraten, weil die Bitten um Wiederholungen der Vorstellungen so heftig waren; er musste eine Menge Ruhetage opfern, um den zahllosen Bitten genügen zu können. Sogar Richard, der an Beifallskundgebungen Gewöhnte, machten die Szenen wilder Begeisterung, die seine Konzerte begleiteten, absolut sprachlos. Allzu schnell verflogen diese schönen Tage; als wir schließlich Ende September von Freemantle abreisten, war Richard fest entschlossen, dieses gastfreie Dominion bei nächster Gelegenheit wieder zu besuchen.
Unser Aufenthalt in Südafrika war auf knapp vier Wochen bemessen. Richard gab elf Konzerte in verschiedenen Städten, was für ihn eine Reise von mehreren tausend Meilen bedeutete. Diesmal jedoch hielt er an seinem Vorsatz, nur mit Flugzeug zu reisen, fest, lind alles verlief ohne Störung. So ungern ich ein Flugzeug besteige, so sehr genoss Richard jeden Augenblick eines Flugs; er hatte nie Angst und neckte mich, sobald er merkte, dass ich mich fürchtete. Er kannte keine angenehmere Art des Reisens.
Für mich war es besonders interessant, Durban zu besuchen, weil ich einen Teil meiner Jugend in dieser schönen Stadt verbracht hatte. Als man erfuhr, wer ,Mrs. Richard Tauber‘ sei, wurden wir mit Einladungen von früheren Schulfreundinnen und von Familien, die sich gut an meine Eltern erinnerten, überschüttet.
Dann begann die .große Tour‘ nach Kanada; Richard hatte noch nie dort gesungen und freute sich sehr auf die Reise. Trotz der arktischen Kälte war jeder Saal bis auf den -letzten Platz gefüllt, und die Begeisterung, mit der die Kanadier ihn feierten, spottete jeder Beschreibung. Merkwürdig, dass er erst so spät in dieses Land kam. Wie in Australien oder Südafrika fand er plötzlich ein völlig neues Gebiet mit neuem Publikum, das nicht weniger empfänglich für seine Darbietungen war als die Berliner, Wiener oder Londoner. Überall bat man ihn um baldiges Wiederkommen.
Endlich Kalifornien. Wärme und Sonnenschein, ein wahres Märchenland. Sein Auftreten im Auditorium in Los Angeles war eine Wiederholung von Richards letztem Triumph, ebenso bleibt die darauffolgende Gesellschaft eine unserer schönsten Erinnerungen. Wir hatten Zeit, die berühmten Studios zu besuchen, aber das größte Vergnügen für Richard war ein Rundgang durch Walt Disneys Wunderland; es kostete uns viel Überredungskunst, um ihn von dem Zauber dieses Märchenortes loszureißen.
Viel zu rasch vergingen diese herrlichen Tage, und eile wir es uns versahen, saßen wir im Pullmanzug, um wieder ostwärts zu rasen. Anfang April waren wir in Southampton; nur elf Monate waren vergangen, seit wir Neapel verließen, um nach Australien zu reisen, und in der kurzen Zeit hatten wir in einem irrsinnigen Hasten von Konzert zu Konzert den Globus umfahren.
April 1939. Über Europa sammelten sich Sturmwolken. Die Vergewaltigung Österreichs war für Richard der allerschwerste Schlag gewesen. Nun hatte er nicht einmal mehr Österreich. Wir waren beide heimatlos.
Voll übler Vorgefühle in Bezug auf die drohende Lage trat Richard am 17. August schließlich die Reise nach Afrika an; man hoffte immer noch, dass das Schlimmste abgewendet werden würde. Doch unser Optimismus erwies sich als trügerisch. Noch ehe wir die Union erreichten, brach der Krieg aus.
Schwer lassen sich unsere Empfindungen beschreiben, als wir schließlich wieder im .guten alten London‘ vereint waren. Nach der Heiterkeit von Südafrika machte uns die Stadt, einen finsteren Eindruck. Verdunkelung, strengste Einfachheit, Khaki überall. Jeder auf seinem oder ihrem Posten in Erwartung, dass der Sturm ausbreche.

11. Kapitel Der letzte Akt

Der Fall Frankreichs war mir eine ernste Mahnung, den Plan, mich freiwillig zum Militärdienst zu melden, nicht länger hinauszuschieben.
Es war unvermeidbar, dass uns unsere verschiedene Arbeit für lange Zeit trennte; Denn schließlich teilten wir dieses Schicksal mit Millionen von Menschen. Etwas vom früheren Frohsinn und der Ungezwungenheit des Vorkriegs-London war nach den letzten Tagen der Luftangriffe wieder zu spüren. In dieser Periode erging an Richard die Frage, ob er das vergrößerte Orchester des Palace-Theaters dirigieren könnte; mit Freuden nahm er das Engagement an und ging an die Proben zur “Fledermaus“ heran. Die Premiere fand im Februar 1945 statt; die Ausstattung war verschwenderisch, die Truppe war hervorragend, und die Stimmung von Künstlern und Zuhörerschaft wich einer überschwenglichen, frohen Erleichterung über den nahenden Sieg im Westen. Indessen war der Tag des Sieges gekommen und damit für Richard die Zeit, wieder Pläne für Auslandsreisen zu machen. Der erste Ruf kam von Amerika. Anfang 1947 flog er nach Trinidad für eine Reihe von Konzerten, die ihm kolossale Triumphe eintrugen. Er war offensichtlich guter Laune, genoß die Sonne, schwamm und machte Ausflüge im Motorboot. Die ersten Vorboten seiner Erkrankung zeigten sich nach seiner Rückkehr von Amerika.
Er war zwar sonnengebräunt, aber er litt an Hustenanfällen. Die Arzte diagnostizierten ihm eine Bronchitis und rieten zur Vorsicht und vor allem zu einer langen Schonzeit für seine Stimme.
Manchmal dauerten die Anfälle zwanzig Minuten und länger, und hinterher war Richard total erschöpft und nicht imstande, vom Stuhl aufzustehen. Er hatte gerade wieder verschiedene Aufforderungen für eine Reihe von Radiosendungen erhalten, die unter dem Namen ,Richard-Tauber-Halbe-Stunden‘ bekannt wurden; die Zuhörer ahnten nicht, dass die wundervolle Stimme, die fehlerlos aus dem Radio tönte, einem Manne gehörte, der seine ganze Willenskraft aufbieten musste, um die Lieder, ohne zusammenzubrechen, zu Ende zuführen. Es gibt wohl keinen schlagenderen Beweis für Richard als Schauspieler ,par excellence‘, als diese Sendungen, die ihm eine unglaubliche seelische und körperliche Qual gewesen sein müssen.
Der Sommer war kaum zu Ende, als die Schlußtragödie begann. Die Hustenkrämpfe dauerten immer länger, schließlich suchte er einen Spezialisten auf, der ihn zum Röntgen schickte. Am nächsten Tag ließ mich der Arzt rufen und unterbreitete mir die furchtbare Nachricht. Richard hatte Lungenkrebs; tatsächlich war die eine Lunge bereits durch das schreckliche Leiden zerstört. Es bestand noch eine geringe Hoffnung, den anderen Lungenflügel zu retten, aber höchste Eile war geboten, wenn ein Fortschreiten verhindert werden sollte. Als Richard erfuhr, dass er sich einer Operation unterziehen sollte, war er erleichtert. Aber er wusste nicht den wirklichen Grund und sollte ihn nie erfahren. Er erfuhr nur, dass er einen Abszeß habe, der entfernt werden müsse, und er glaubte das auch bis zuletzt. Der engere Kreis, der die Wahrheit wusste, verheimlichte sie ihm. Nur hatte er noch eine wichtige Verabredung, die er erfüllen wollte. Ein Ensemble der Wiener Staatsoper war nach London gekommen, um im Covent Garden-Opernhaus zu spielen. Josef Krips sollte das Wiener Philharmonische Orchester in einer Vorstellung den Don Giovanni dirigieren, und Richard war aufgefordert worden, die Partie von Don Oc:tavio zu singen. ,Ich muss und ich will in dieser Vorstellung singen, nichts auf der Welt wird mich daran hindern‘, schrie er den Doktor an. .Nachher können Sie mit mir machen, was Sie wollen!‘
So ging am 27. September 1947, fünf Tage vor seiner Operation, der Vorhang vor einer denkwürdigen ,Don Giovanni‘-Vorstellung auf.
Zuversichtlich trat er auf die Bühne, und schon die ersten Noten, die er in seinem vollendeten Legato sang, begannen ihren Zauber auf die Zuhörerschaft auszuüben, die ahnungslos war, welche Tragödie sich hier abspielte. Während ich dort saß und einer der schönsten Aufführungen seiner Sängerlaufbahn lauschte, wanderten meine Gedanken zu jenen Tagen der Luftangriffe zurück, wo Richard unbekümmert um den draußen tobenden Bombenhagel seine Vorstellung fortsetzte. Einmal, nach einem besonders nahen Einschlag, trat er an die Rampe, um die von Panik ergriffene Zuhörerschaft zu beruhigen mit einer für ihn so typischen Bemerkung: ,Ich glaube, die letzte Bombe ist etwas danebengegangen.‘ Ich erinnerte mich, wie ich ihn bat, vorsichtiger zu sein, als ich gehört hatte, dass er dem Unglück in Coventry nur knapp entgangen war. „Hitler hat mich verhindert, in Deutschland und Osterreich zu singen, hol‘ mich der Teufel, wenn er mich hier hindern kann!‘
Sei dem letzten Vorhang erhielt er eine Riesenovation vom Publikum; hinter der Bühne drängten sich Künstler und Freunde um ihn und gratulierten ihm, drückten ihm die Hand, küßten ihn. — Nur mit Mühe konnte er seine Garderobe erreichen, völlig erschöpft durch die furchtbare Anstrengung, doch glücklich lächelnd, weil er seinen geliebten Wienern sein Versprechen gehalten hatte. Nie werden wir wissen, ob er die Wahrheit über seinen gefährlichen Zustand ahnte; aber als er sich im Stuhl zurücklehnte, drehte er sich mit gedankenvollem Ausdruck zu mir und machte eine seltsame Bemerkung: „Weißt du, wenn ich nicht noch einmal singen sollte, wäre dies ein großartiger Abgang, findest du nicht?“
Die Operation bestätigte die schlimmsten Befürchtungen, aber es bestand noch eine entfernte Hoffnung, sein Leben zu erhalten.
Doch bald kehrte der furchtbare Husten wieder und verschlimmerte sich im Lauf weniger Tage. Schließlich musste er nach London zur weiteren Untersuchung zurückkehren, die ergab, dass das Leiden auch die andere Lunge ergriffen hatte, und dass es keine Rettung mehr gab.
Richard, der das Endurteil des Spezialisten nicht ahnte, glaubte weiterhin, dass sein Zustand nichts als die Nachwehen der Operation sei.
Jas Ende kam schneller als wir erwarteten. Am späten Nachmittag des 7. Januar 1948 hatten ihn die Hustenanfälle in einen unbeschreiblichen Zustand der Verzweiflung versetzt. Der Arzt traf eilige Anstalten, ihn ins Krankenhaus zu überführen, und man ließ edn Wagen kommen, um ihn dahin zu transportieren. Trotz seines schrecklichen Zustandes lehnte er jede Unterstützung ab, und mit festen Schritten ging er vom Lift zumn wartenden Wagen. Auch in der Klinik ging er aufrecht in sein Zimmer. Dann brach er zusammen.
Er wurde mit Oxygen belebt und unter der Maske hervor lächelte er mich an, noch immer ahnungslos, noch immer optimistisch. Als ich ihn fragte, ob er sich besser fühle, lüftete er die Maske ein wenig, dann, mich anblickend, sagte er: ,Du wirst lachen, ich auch!‘ In den ersten Stunden des 8. Januar 1948 schlief Richard ein, um nicht wieder zu erwachen.

ENDE.