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Teil II – Diana Napier über Richard Tauber

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Lesen sie die Erinnerungen Diana Napiers, an Richard Tauber, aus der Zeitschrift „Revue – Die Weltillustrierte“, erschienen als Fortsetzungsgeschichte in fünf Teilen, im Jahre 1949.

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Teil II

Diana Napier – Dein ist mein ganzes Herz

Ins Deutsche übertragen von Catharina von Mayer

„Ein dünner Faden!“ Das war die Höhe!
Dieser Ausdruck wurmte mich vor allem, weil ich doch so laut ich konnte gesungen hatte! Nein! Es war ganz offenbar, dass dem eine Verschwörung zugrunde lag! Niemand erkannte meine Stimme an, am wenigsten von allen jener abscheuliche Mann in Wien! In der Tat, dünner Faden!
Meine Wut wurde jedoch beträchtlich gedämpft, als ich daran dachte, was mein Vater zu der unglücklichen Epistel des berühmten Professors sagen würde. Aber, Gott segne ihn, er muss gewusst haben, was in mir vorging, was für ein furchtbarer Schlag dieser Brief für mich sein müsste. Er las ihn noch einmal, sah mich dann lange an — mir schienen es Ewigkeiten — schließlich sagte er: „Gut, mein Junge, wir wollen einen anderen probieren.“
Ich weiß nicht, was ihn trieb, das zu sagen. War er selbst unsicher? Wollte er mir beweisen, dass er mit seinem Freunde keine geheime Abrede getroffen hatte, um meinen beharrlichen Wunsch, Sänger zu werden, zu entmutigen? Oder wollte er mich nur vor höchster Verzweiflung während dieser furchtbaren Tage retten? Bald darauf brachte er mich zum ersten Dirigenten des Wiesbadener Stadttheaters.
Wieder sang ich Wagner; diesmal jedoch Siegmunds Liebeslied, aus der Walküre. Aber dieser Programmwechsel machte keinen größeren Eindruck, als mein Lohengrin in Wien! Im Gegenteil, das Urteil war eher schlimmer!
„Es besteht keinerlei Rechtfertigung für die Sängerlaufbahn!“ sagte der ausgezeichnete Musiker, und Beleidigung zum Unrecht hinzufügend, wandte er sich zu meinem Vater und sagte die nächsten Worte in seinem unverkennbar Wiener Dialekt: „So kann ich auch singen!“
Niemand, der nicht Ähnliches durchgemacht hat, kann den Zustand ermessen, in den Richard die Urteile dieser zwei prominenten Männer versetzt haben müssen. Tief unglücklich wanderte er planlos durch die Straßen Wiesbadens-, alles um sich her vergessend, murmelte er vor sich hin: „Zu Ende, zu Ende! Das ist das Ende!“
Die freundlichen Worte seines Vaters, alle Herzlichkeit Heinrich Hensels konnten dem Knaben nicht über diese bittere Enttäuschung hinweghelfen, die so erbarmungslos seine schönsten Hoffnungen zerschlagen hatte. „So kann ich auch singen! Ein dünner Faden! Um Gotteswillen, verhindern Sie den Jungen Sänger werden zu wollen!“ Wieder und wieder tauchten diese schicksalsschweren Worte vor ihm auf, bis er schließlich dahin kam, die beiden Professoren zu hassen und sie als zwei Ungeheuer anzusehen, die ihm den Weg zu Erfolg und Ruhm versperrten.
Unter Groll und Tränen jedoch erhob die alte Halsstarrigkeit bald wieder ihr Haupt, und wenn auch für den Augenblick geschlagen, so war doch Richard, sogar in jenem jugendlichen Alter, nicht von der ,Art, die jenes Nein lange als endgültige Antwort hinnehmen würde. Trotzdem dauerte es noch einige Zeit, bevor das Schicksal sich zu wenden begann.

2. Kapitel Die Entdeckung einer Stimme

Die nachdrückliche Art, in der zwei große Sachverständige Richards Wunsch, Sänger zu werden, lächerlich gemacht hatten, versetzte seinen Vater in eine schwierige Lage. Bis jetzt hatten alle Versuchs die Zukunft des jungen Mannes mit Hilfe einer der anerkannten Erziehungsmethoden zu gestalten, jämmerlich versagt. Er war jetzt über siebzehn Jahre alt, und es muss ihm allmählich gedämmert haben, dass seine Leistungen nicht von der Art waren, auf die sein Vater stolz sein könnte. Heinrich Hensel, auf den Richard wahrscheinlich mehr hörte als auf seinen eigenen Vater, fing auch an, sich um seine Zukunft zu sorgen und schließlich verband er sich mit dem älteren Tauber, um Richard zur Vernunft zu bringen. Es wurde beschlossen, den jungen Mann auf eine gute Musikschule im nahen Frankfurt zu schicken, um ihm eine letzte Chance zu geben, in einer bestimmteren Form seine Liebe zur Musik zu beweisen. Zur großen Erleichterung seiner beiden Ratgeber stimmte Richard nicht nur dem Plane zu, sondern seine Versprechungen bewiesen, dass er die Notwendigkeit einsah, sein Leben von Grund auf zu ändern.
In Frankfurt, kaum eine Stunde Bahnfahrt von Wiesbaden entfernt, befand sich das „Hoch-Konservatorium“, eine der bekanntesten Musikschulen Deutschlands. Richard wurde von seinem Vater hingebracht. Als dann die Ergebnisse der Aufnahmeprüfung verkündet wurden, erlitt ,,Papa“ beinah einen Schlaganfall. Nicht nur, dass sein Sohn bestanden hatte, sondern er war mit fliegenden Fahnen durchgekommen! Es erschien ihm beinahe unglaublich, dass es eine Prüfung geben konnte, die der junge Richard Tauber überhaupt, geschweige denn so erfolgreich, meisterte. Endlich schien der Bursche auf den rechten Berufsweg gelangt zu sein.
An die nächsten Jahre erinnerte sich Richard stets mit Stolz und Begeisterung. Obgleich sein Ehrgeiz, Sänger zu werden, ihn nicht gänzlich verließ, schien er doch erkannt zu haben, dass das Studium der Musiktheorie und ein methodisches üben im Klavierspiel nützlich sein würden, wenn sein geheimer Traum doch noch Wahrheit werden sollte.
Er machte so rasche Fortschritte in seinen Studien, dass ihm bereits ein paar Wochen später erlaubt wurde, am Dirigentenpult zu stehen und das Schulorchester um die musikalischen Klippen in Beethovens Ouvertüre zu „Egmont“ zu steuern.
Was für ein stolzer Tag war es für Richards Vater, als die Aufführung von dem Kritikerstab der Schule hoch gelobt wurde. Nun gab es kein Halten mehr. Richard sah sich bereits als berühmten Dirigenten, und noch mehr, er begann sogar zu komponieren; zuerst ein paar kurze Stücke für Orchester, hie und da ein Lied, aber sein Ehrgeiz ging höher. Eines Tages, als er einen Einakter von Theodor Körner, „Die Sühne“, gelesen hatte, war er so bewegt, dass er sich unverzüglich hinsetzte und nach diesem Drama eine Oper schrieb. Zu seinem großen Leidwesen jedoch war niemand von diesem Meisterwerk beeindruckt und es blieb unaufgeführt.
Einen großen Teil seiner freien Zeit verbrachte er natürlich in seinem geliebten Wiesbaden, wo sein Vater inzwischen wohlbestalltes Mitglied eines auserlesenen Ensembles geworden war Nun, da sein Sohn eine erfolgreiche Karriere eingeschlagen hatte, machte es ihm große Freude, ihn seinen Kollegen und Freunden in der Theaterwelt vorzustellen. So finden wir Richard, der die berühmtesten Schauspieler und Sänger des Tages kennenlernt, Vorstellungen beiwohnt und eifrig den Erinnerungen und Erfahrungen der älteren Leute lauscht. Wie bisher bleibt Heinrich Hensel sein großer Held, und es gab kaum eine Opernvorstellung, die der junge Mann versäumte, besonders, wenn es sich um eine „Lohengrin“-Aufführung mit seinem geliebten Tenor in der Titelrolle handelte.
Es gab Picknicks und Ausflüge; eines der beliebtesten Ziele war die Weingegend um Aßmannshausen; der ganze Freundeskreis fuhr manchmal auf einem Rheindampfer dorthin. Ein Freund Vater Taubers, ein bekannter Bühnenschriftsteller, erzählt eine interessante Anekdote von einem solchen Ausflug:
„In dem alten Gasthaus von Aßmannshausen traf ich auf Tauber, einen sehr beliebten Schauspieler vom Hoftheater in Wiesbaden. Er war dort mit seinem Sohn und ein paar Freunden, die alle sehr heiter waren und vergnügt beim Trinken saßen. Taubers Sohn schien etwa zwanzig Jahre alt, ein stiller, schlanker Jüngling mit einer riesigen Brille. Mir sah er wie ein sehr ernsthafter Student der Theologie aus, und ich war daher sehr erstaunt, als sein Vater mir sein Musiktalent rühmte und erzählte, dass sein Sohn Dirigent werden‘ wolle.
Es war ein sonniger Frühlingsnachmittag. Wir saßen alle Wein trinkend auf der Terrasse und schauten den langsam vorbeifahrenden Dampfern zu Auf dem Deck spielten die Kapellen, und die Töne klangen herüber. Bald regte uns der Wein und die schöne Landschaft an, die alten rheinischen Lieder zu singen. Eine Stimme besonders zog unsere Aufmerksamkeit auf sich … sie hatte einen bestimmten zauberischen Klang .. . sanft, trällernd . .. irgendwie machte sie einen ganz melancholisch … sie gehörte . . . jenem jungen angehenden Dirigenten, dem Sohn des alten Tauber!
Zuletzt hielten wir alle inne und bombardierten Tauber mit Fragen. Warum gab er seinem Sohn nicht die Möglichkeit, seine Stimme auszubilden? Warum Dirigent werden, wenn der junge Mann eine so herrliche Begabung besaß, eine Stimme von solcher Qualität und solchem Zauber? Doch der alte tauber schüttelte einfach den Kopf „und wollte nichts hören.‘ Er hatte den Bericht eines Sachverständigen; es war nutzlos; die Stimme war für zu klein erklärt worden, um irgendeine Gewähr für eine erfolgreiche Sängerlaufbahn zu bieten. Wie schade, dachten wir alle . ..!“
Trotz Musikstudien und Theaterbesuchen, die fast all seine Zeit beanspruchten, verbrachte Richard viele Stunden mit seinem einzigen Steckenpferd, dem Fotografieren; ein Gebiet, auf dem er später Meister werden sollte. Einmal schenkte ihm sein Vater eine Laterna magica; jede Minute benutzte er, um Aufnahmen zu machen, Laternenbilder herzustellen, mit der Kamera zu spielen oder sein Zimmer mit irgendwelchen Reproduktionen zu schmücken.
Heinrich Hensel erzählt aus jener Zeit: „Als ich einmal Taubers besuchte, fand ich Richard damit beschäftigt, ein altes Bettlaken an der Wand aufzuhängen. Er hatte einen Projektor geschenkt bekommen und wollte mir einige seiner Filme zeigen. Beim Schluss der Vorführung packte er meine Hand, sah mich an und sagte mit erregter Stimme: .Wissen Sie, eines Tages kann das eine große Sache werden! Stellen Sie sich Filme vor, die reden und singen! Was für eine Erfindung! Natürlich bin ich kein Techniker, um zu wissen, wie so etwas zu entwickeln ist, aber ich bin überzeugt, dass ich Ihnen den einen oder anderen Tipp geben könnte. Jedenfalls wäre ich der erste, zu helfen, wenn man mich darum bäte.'“
Seltsame Prophezeiung eines jungen Mannes, der in späteren Jahren einen großen Teil seiner Arbeit dem Tonfilm widmen sollte.
In diese Periode seines Lebens fällt auch ein Ereignis, das einen bedeutenden Einfluss auf seine Zukunft haben sollte: sein Vater verheiratete sich wieder.
Nach der Scheidung hatte sich die Verbindung zwischen Richards Vater und seiner Mutter mehr und mehr gelöst, so dass nur der Sohn noch ein Bindeglied zwischen ihnen bildete. Richard durfte seine Mutter bei jeder sich bietenden Gelegenheit, in den Ferien zum Beispiel, besuchen; aber sonst bestand der Taubersche Haushalt in Wiesbaden nur aus Vater und Sohn.
Im Jahre 1910 begleitete Richard seinen Vater nach London; es war sein erster Besuch einer Stadt, die einmal Mittelpunkt seiner Interessen und seiner Arbeit werden sollte. Seine zukünftige Stiefmutter hatte zwei erwachsene Söhne, Otto und Robert Hase, beide waren in späteren Jahren aufs engste mit Richards Sängerlaufbahn verbunden. Als Impresario und als Sekretär trugen sie die Last der riesigen Verwaltungsarbeit, die mit Richards Aufstieg zum Ruhm verbunden war, und sie begleiteten ihn oft auf seinen vielen Reisen.
Nach diesem aufregenden Besuch kehrte die Familie nach Wiesbaden zurück und es begann eine regelmäßige Lebensweise. Richard nahm seine Studien in Frankfurt wieder auf, mein Schwiegervater seine Tätigkeit am Theater. Doch sollte diese Harmonie nicht lange dauern; bald sann der junge Tunichtgut auf neue Streiche! Diesmal war es die Liebe!
Bei seinen häufigen Theaterbesuchen hatte Richard unter den Tänzerinnen ein schönes Mädchen gesehen, und zu seinen früheren Besuchen der Opernproben gesellte sich nun sein regelmäßiges Erscheinen bei den Übungsstunden der Tänzerinnen.
Die junge Dame schien Richards Werbung günstig gestimmt, und es dauerte nicht lange, bis sich eine leidenschaftliche Freundschaft zwischen den beiden entwickelte. Sogar Heinrich Hensel wurde schnell vergessen. Er begleitete sie täglich zum Theater, erwartete sie beim Schluss der Vorstellung, trug ihre Schuhe und Noten. Aber es gab auch Besuche der städtischen Kinos, Ausflüge an den Rhein, und eines Tages suchte er Gretchen sogar in ihrem Heim auf, unter dem Vorwand, er sei ihr Gesangslehrer.
Aber dieses Liebesabenteuer überstieg nicht nur das Taschengeld, das ihm sein Vater gab, es führte auch zur Vernachlässigung seiner Studien. In kurzer Zeit hatte er seine feierlichen Versprechungen vergessen und war zu seinem früheren Leben zurückgekehrt; ziellos durch die Straßen von Wiesbaden zu streifen. Besonders im Umkreis von Gretchens Wohnung. Was sein Studium anlangte. .. nun, es gab wichtigere Dinge zu tun.
Bald jedoch begann die finanzielle Beschränktheit ihn zu bedrücken, und in seiner Verzweiflung nahm der junge Mann eine Stelle als Klavierspieler in einem Kino an. Während er zu der stummen Leinwand aufblickte, spielte er zu den Ereignissen des Films passende Musik, seinen Gefühlen vollen Lauf lassend, wenn die Handlung sentimental wurde, in höchster Eile auf die Tasten hämmernd, sobald das Drama auf eine Jagd über die wilde Prärie hinauslief. Eine wunderbare Möglichkeit, in einer Welt von Dramatik und Phantasie zu leben.
Aber dieses aufregende Abenteuer sollte bald ein jähes Ende finden. Beunruhigt durch die plötzliche peinliche Sorgfalt, mit der sich sein Sohn kleidete, mit der er seine Haare mit Brillantine überzog, aufmerksam geworden durch die zunehmenden Beschwerden seiner Lehrer an der Musikschule, beschloss Vater Tauber, dem Geheimnis auf den Grund zu kommen. Da er keine befriedigende Erklärung durch seinen Sprössling erhielt, folgte er ihm eines Abends und spürte den Ort auf, wo sein verlorener Sohn seiner heimlichen, wenn auch einträglichen Tätigkeit frönte. Richard wurde dabei ertappt, als er gerade den Heldentaten der alten Griechen bei der Belagerung von Troja musikalischen Ausdruck verlieh. Die Gestalt Vater Taubers, zitternd vor Wut, gefolgt von dem ängstlichen Kinobesitzer, verschwand im Parterre des Theaters, und eine Minute später befand sich Richard auf den dunklen Straßen Wiesbadens, von seinem Vater fest am Arm gehalten, und mit der betrüblichen Aussicht, noch ein echtes Drama zu Hause zu erleben.
Zum hundertsten Male wurde die Frage im Tauberschen Haushalt erörtert: Was sollte mit dem Knaben geschehen? Diesmal verschärfte sich das Problem durch die beunruhigende Tatsache, dass Richard ernstlich verliebt war und das Mädchen heiraten wollte. Glücklicherweise griff das Schicksal kurze Zeit danach ein; Gretchen zeigte ihre Verlobung und darauffolgende Heirat mit einem anderen an. Für Richard war das ein furchtbarer Schlag. Nachdem er die ganzen Schwierigkeiten des Schuleschwänzens durchgemacht, seine Finger im Kino wund gespielt hatte — müsste er nun erfahren, dass dieses Mädchen einfach mit seiner Liebe gespielt hatte. Sein Herz war gebrochen, und der bittere Kelch floss über, als er von einem versteckten Winkel der Kirche aus der Hochzeitsfeier seines Ex-liebchens beiwohnte.
Für den Familienrat erleichterte dieser Ausgang die Dinge jedoch beträchtlich, und als seine Stiefmutter schließlich den Vorschlag machte, er solle für die nächste Zeit zu Freunden nach Freiburg übersiedeln, wo er seine Studien fortsetzen und über die schreckliche Enttäuschung hinwegkommen könne, wurde sein Widerstand, das geliebte Wiesbaden zu verlassen, überwunden. Unter Tränen nahm er Abschied, um in eine andere Stadt zu fahren; er konnte nicht ahnen, dass dies der wichtigste Wendepunkt in seinem Leben war. Das Exil in Freiburg bedeutete die Entdeckung von Richard Tauber, dem Sänger, und den Anfang seines Weges zum Ruhm. Richard hatte jetzt eine starke Stütze seines Strebens in seiner Stiefmutter gefunden. Sie interessierte sich nicht nur für seine Zukunft, sondern wurde in der Tat eine Hilfe, indem sie die finanziellen Hindernisse, die der Fortsetzung seiner Musikstudien im Wege standen, beseitigte.
Bald zerstreuten sich die Befürchtungen, mit denen Richard seinem Aufenthalt entgegengesehen hatte, ja, sie wichen wilder Begeisterung. Die Freunde seiner Eltern begrüßten ihn mit offenen Armen. Als er entdeckte, dass auch ihre Interessen der Musik gehörten, dass man ihm nicht nur erlaubte, sondern ihn direkt ermutigte, zu singen und zu spielen, kannte seine Freude keine Grenzen. Endlich Freiheit von dem Zwang, der daheim seine heiligsten Wünsche gehemmt hatte. Es dauerte nicht lange, da hatte er auch eine ideale Begleiterin für Musik, Theater und Kino gefunden: Lilly, die Tochter des Hauses, ein hübsches Mädchen, zwei oder drei Jahre jünger als Richard, aber bereits eine ausgebildete Pianistin. Wiesbaden und Gretchen begannen aus seinem Gedächtnis zu schwinden! angelegt durch seine neuen Freunde und die andere Umgebung, nahm er seine Musikstudien wieder auf. Mehrmals in der Woche machten sie kleine Reisen nach Basel, wo Lilly das Konservatorium besuchte. Bald zeigte sich deutlich, wie anders Richard jetzt seiner Arbeit gegenüberstand. Mit großem Fleiß begann er all seine Zeit seinen Studien zu widmen, und es schien, als ob sein Leben endlich in die Bahn geleitet sei, die zum Erfolg führen würde. Lilly wurde seine unzertrennliche Begleiterin; sie spielte für ihn, wenn Richard seine Stimme in einer jener schweren, eindrucksvollen Arien übte, die ihn unwiderstehlich anzogen. In ihr hatte er endlich eine verständnisvolle Seele gefunden, die ihm nicht nur zuhörte, sondern ihn auch ermutigte, sein hohes Ziel zu verfolgen. Immer wieder ging sie stundenlang seine Lieder mit ihm durch, wiederholte ein ums andere Mal dieselben Stellen, gab niemals nach, ermüdete niemals. Wenn es je einen Menschen gab, der unbeirrbar in seinem Glauben an Richards Stimme blieb, so war es die junge Lilly. Niemals vergaß Richard die Erinnerung an jene Tage, in denen sie geduldig am Klavier saß, um ihm auf seinem Wege zur Anerkennung zu helfen.
Unter seinen Jugendlieben war es denn auch Lilly, die stets am lebendigsten in seiner Erinnerung blieb. Er hat eine ganze Menge Frauen während seines Lebens gekannt und hat sich in viele von ihnen verliebt; aber es waren nur sehr wenige, für die er mehr als eine vorübergehende Neigung empfand; von diesen aber sprach er mit besonderer Zärtlichkeit. Sicher ist, dass der Gedanke an die junge Lilly ihn nie verlassen hat, und er erzählte mir oft von ihr. Arme Lilly! Zwei Jahre nachdem Richard Freiburg verlassen hatte, erkrankte sie schwer und starb innerhalb weniger Tage Eine kleine Photographie zeigt sie als ein süßes, anmutiges Mädchen, dessen blindem Glauben Richard einen großen Teil seiner künftigen Erfolge verdankte.
Die aufregendsten Ereignisse jener Tage waren die Musikabende im Hause seiner „Pflegeeltern“. Oft nahmen Freunde daran teil; jeder wurde aufgefordert, etwas zur Unterhaltung beizutragen. So sehen wir an einem unvergesslichen Abend Richard vor einer freundlichen Zuhörerschaft, Lilly neben sich am Klavier, bereit, ihren Freund durch die Fährnisse einer Arie zu steuern. Wieder müsste es „Lohengrin“ sein!
Heute muss die Beharrlichkeit, mit der Richard am Vorbild Hensels festhielt und sein Wunsch, es dem Meister gleichzutun, wie ein bemerkenswerter, schicksalhafter Scherz erscheinen. Aber die Vorführung wurde sehr warm aufgenommen, und schließlich fragte ein unbekannter Gast, der durch einen gewissen Klang in Richards Stimme seltsam gerührt war, warum er nie bei Professor Beines gewesen sei. Beines war ein Gesanglehrer, der einen ausgezeichneten Ruf in der Gegend hatte.
Am nächsten Morgen begab sich Richard mit Furcht und Zittern auf den Weg zu dem Professor. Er hatte seine früheren Fehlschläge, die Enttäuschungen, die erregten Erörterungen daheim nicht vergessen. Aber, wer nicht wagt, gewinnt nicht. Schließlich, das Schlimmste, was passieren konnte, war, dass der Professor sich weigerte, ihn anzuhören.
Auf sein Läuten öffnete ihm eine freundliche, joviale Gestalt, die vom ersten Augenblick an Richards Vertrauen gewann. Es war Alfred Beines, der Genius, der „Richard-Tauber, den Sänger“, entdeckte; der Mann, der schnell alle früheren Urteile der Sachverständigen hinwegfegte, die die Stimmbegabung Richards nicht erkannt hatten.
Richard schreibt; „Ich erzählte Beines von meinen entmutigenden Misserfolgen in Wien und Wiesbaden, von meinen wiederholten Versuchen, meinen Vater zu überzeugen von meiner Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, in die mich die herabsetzenden Bemerkungen über meine Stimme versetzt hatten; ich berichtete von meinen Studien und meinem Streben und schließlich sang ich — .Lohengrin‘!
Ich weiß nicht, warum ich wieder diese Arie wählte. Der Erfolg meiner früheren Prüfungen sollte mich vor der Wiederholung dieses Fehlgriffs gewarnt haben. Aber wie konnte ich wissen, dass es ein Fehler gewesen war? Wagner hatte mich immer fasziniert, und seit meiner ersten Jugend war es mein Traum, in einer Oper von ihm aufzutreten. Heinrich Hensel war mein Vorbild gewesen und sein „Lohengrin“ meine stärkste Inspiration. Nie war es mir eingefallen, dass meine Stimme für solche Rollen durchaus ungeeignet war, sowohl in Bezug auf Klang wie auf Stärke und Färbung. Jene beiden Professoren, ungeachtet ihres Endurteils, hatten meiner Wiedergabe einer Wagneroper zugehört und keiner von ihnen, anerkannte Sachverständige, die sie waren, hatte gegen meine Wahl Einspruch erhoben.
Nun, ich segelte wieder mit vollem Wind in die Gralserzählung hinein. Dieses Mal jedoch wurde ich heftig unterbrochen. .Nein . .. nein . . . nein! Das taugt nichts, junger Mann.‘ Beines schrie mich an; .Kommen Sie, wir wollen etwas anderes probieren.‘ Er sah mich einige Sekunden an, wandte sich dann zum Klavier und begann Tonleitern zu spielen, mich mit einem Wink zum Singen auffordernd. Ich muss so laut gebrüllt haben, wie ich konnte, denn plötzlich sprang er ärgerlich auf; ,Hör auf, mein Junge! Ich habe dich nicht gebeten, mich anzuschreien, du sollst singen . . . singen … singen … verstehst du?! Ehe ich deine Stimme beurteilen kann, muss ich herausfinden, ob eine Stimme da ist, und wie um Himmels willen kann ich das, wenn du darauf bestehst, mich vom Klavierstuhl herunterzublasen?! Also, bitte ohne Krampf!‘

Wieder gab er eine Note nach der anderen auf dem Klavier an. .Leise‘, warnte er mich. .Leise, etwas lauter! Nicht so sehr! Noch weicher!‘ So ging es weiter. Wie mir schien, stundenlang; jedoch es hatte einen seltsamen Einfluss auf meine Nerven; nie hatte jemand sich so viel Mühe gegeben, meine Stimme zu prüfen. Nach meinen früheren Erfahrungen zu urteilen, hätte ich jetzt bald daheim in meinem Bett liegen müssen und mich ausweinen. Doch je ruhiger ich wurde, desto aufgeregter schien Professor Beines zu werden. Plötzlich sprang er auf, rannte zur Tür, öffnete sie und rief einem Schüler, der auf seine Stunde wartete, zu:
„Bitte, kommen Sie morgen wieder, ich bin eben sehr beschäftigt.“ Mit diesen Worten kam er ans Klavier zurück und die Prüfung begann von neuem . .. .Zart! Zart! .. . Etwas lauter!‘ Schließlich stand er auf, sah mich amüsiert an und begann zu lachen. ,So . .. Sie sangen .Lohengrin‘ und .Walküre‘ vor diesen zwei Experten, eh? Kein Wunder, dass sie Sie herunterputzten. Sie sollten nicht versuchen, Wagner zu singen. Aber zu sagen, dass Sie keine Stimme haben, ist einfach grotesk. Sie haben eine Stimme .. .! Eine schöne .Belcanto‘-Stimme! Und vorausgesetzt, dass Sie sich streng an meine Vorschriften halten, meinen Befehlen ohne Nachlassen folgen, kann ich Ihnen versprechen, einen großen Mozartsänger aus Ihnen zu machen. Von heute an sind Sie mein Schüler und wenn Ihr Vater Einwände erhebt, so lassen Sie das meine Sorge sein. Aber dies sind meine Bedingungen: ein ganzes Jahr lang dürfen Sie nichts singen als die Übungen, die ich Ihnen vorschreibe, und Sie werden gleich damit beginnen. Ich brauche Ihr feierliches Versprechen, dass Sie nicht eine einzige Note bei irgendeiner dieser musikalischen Gesellschaften singen, und wenn Sie jemals den Mut haben, diesen .Lohengrin‘ wieder anzurühren, drehe ich Ihnen den Hals um. Verstanden?! Wenn Sie bereit sind, diese Bedingungen anzunehmen, kann ich Ihnen eine große Zukunft versprechen. Singen ist eine Kunst, und ein Sänger muss Künstler sein. Trotz dieser einfachen Grundsätze gibt es Hunderte von Sängern, die keine Künstler sind, weil sie unverzeihliche Verbrechen an ihrer Stimme in einem frühen Stadium ihrer Entwicklung begangen haben. Mein größter Ehrgeiz ist es immer gewesen, eine Stimme zu finden, die noch nicht verdorben ist, und Sie haben sie. Zum Teufel mit Ihnen, wenn sie mich enttäuschen. Ihre erste Stunde ist morgen früh!'“
So endet Richards eigener Bericht über sein erstes Zusammentreffen mit Alfred Beines. Wie im Traum stolperte er durch die Straßen von Freiburg. Er hatte eine Stimme! Seine oft vereitelten und verlachten Hoffnungen und Wünsche sollten Wahrheit werden! Lange konnte er seine Gedanken nicht sammeln. Sein ganzes Inneres war in Aufruhr; konnte es möglich sein, dass ein berühmter Lehrer an seine Stimme glaubte, dass sein geheimer Wunsch sich endlich erfüllen sollte?!
Bei seiner Rückkehr stürzte er zu Lilly, die voller Angst auf das Ergebnis des Besuches gewartet hatte. Man kann sich die Erregung vorstellen, mit der er ihr Wort für Wort das Wunder dieser letzten Stunden erzählte und zuletzt verschworen sich die beiden, das Geheimnis solange zu wahren, bis Richard sich bewährt habe Inzwischen blieb noch viel zu tun; aber auf Lilly konnte er sich verlassen; sie würde ihrem Freund bei seinen Übungen und Tonleitern behilflich sein.
Das Zusammentreffen mit Beines hatte einen elektrisierenden Einfluss auf Richards Betriebsamkeit. Von jetzt-an widmete er jede Minute seinen Gesangsstunden und dem üben. Nun, wo sein Leben endlich einen Zweck gefunden hatte, richtete er sein Augenmerk fest auf dieses Ziel; nie wich er von dem Weg ab, der ihn zum Erfolg führen sollte. Er verlor jedes Interesse an anderem; er redete vom Singen, träumte vom Singen, und Beines war stets bereit, zu helfen, zu warnen, zu führen und ihn in Schranken zu halten. Sogar Richard selbst fiel die komische Seite dieser Umwandlung auf. „Wenn man jemals meinem Vater gesagt hätte, dass sein unbändiger Sohn von der Arbeit zurückgehalten werden müsste, er würde diesen Menschen wegen Verleumdung verklagt haben.“
Theaterbesuche waren die einzige willkommene Entspannung, und so oft er es sich nur leisten konnte, ging Richard mit Lilly in die Oper. Aber das war nicht oft genug für seinen Geschmack, und er zerbrach sich den Kopf, um einen Ausweg zu finden. Endlich kam ihm ein glänzender Gedanke: er ging geradewegs ins Büro eines Lokalblattes und bot sich als Musikkritiker an. Zufällig brauchte das Blatt gerade einen Kritiker, und nach ein oder zwei Proben bekam er die Stelle. Sie war unbezahlt, aber mit zwei Freibilletts verbunden! Was konnten sich Richard, und Lilly Besseres wünschen? Anstatt hinten auf der Galerie zu stehen, genoss das Pärchen jetzt Bequemlichkeit und Ansehen auf zwei teuren Plätzen neben ihren „Kollegen“ von der Presse. Die Partitur auf den Knien, verfolgten sie die Vorstellung mit kritischen Augen und Ohren und gnade Gott dem unglücklichen Tenor, der einen Fehler machte, vor dem Beines Richard täglich warnte.
Das Jahr ging schnell vorüber. Richard machte so gute Fortschritte, dass Beines ihn in die Musik Mozarts einführen konnte, lange bevor die Probezeit vorüber war. Bald hatte der junge Mann das Wesentliche von des Professors Methode erfasst. Daher konnte die Vorschrift, seine Arbeit auf Übungen zu beschränken, bald gelockert werden, und der vielversprechende Schüler betrat, sorgfältig geleitet von seinem Meister, das Wunderland des großen Komponisten. Er bezahlte diese Anerkennung seines Fortschritts reichlich mit verdoppeltem Eifer und Interesse für sein Studium, so dass, als die zwölf Monate um waren, Beines ihn eines Tages mit einer herrlichen Nachricht überraschte. Es zeugt von seinem ungeheuren Vertrauen in Richards Begabung, dass er ihn einer noch ernsteren Prüfung gegenüberstellte, als die engen Wände seines Arbeitszimmers bieten konnten.
Beines zeigte ihm einen Brief des Direktors des Hoftheaters in Mannheim, der ihn fragte, ob er unter seinen Schülern einen begabten Tenor habe, den er ihm für ein Engagement empfehlen könne. Anfangs verstand Richard nicht, warum Beines ihn so lächelnd ansah, dann dämmerte es ihm, dass er selbst es war, auf den die Wahl fallen sollte. Zuerst fehlten ihm die Worte, dann fiel er seinem Lehrer um den Hals. Er konnte es einfach nicht glauben. Kaum ein Jahr war vergangen seit jenem denkwürdigen Tage seines ersten Besuches bei Beines, und nun sollte er in die Welt hinausgehen, um seinen Weg als Sänger zu machen.
Alles war abgemacht, als es Richard plötzlich auffiel, dass er einen so bedeutsamen Schritt nicht unternehmen konnte, ohne seinem Vater das Geheimnis, das das er all diese Monate vor ihm bewahrt hatte, zu enthüllen. Er wusste, dass er vorher nach Wiesbaden fahren müsste, um alles zu erzählen. Was würde sein Vater dazu sagen? Würde er ihn wieder auslachen und seine Pläne mit einem Achselzucken abtun? Würde er ihn vielleicht auszanken, weil er abermals seine Zeit mit seiner albernen Idee, Sänger zu werden, vertan hatte? Aber der gute alte Beines hatte auch für diese beängstigenden Fragen die Antwort bereit. Er sagte Richard, er solle sich nicht sorgen, er habe bereits seinem Vater geschrieben und er sei sicher, dass ihn der Empfang in Wiesbaden nicht enttäuschen werde. Mit schwerem Herzen sagte Richard seinem geliebten Meister Lebewohl und fuhr nach Hause.
Beines hatte recht gehabt. „Papa“ war sehr freundlich, wenn Richard auch in seinen Augen viele Zweifel und Fragen auftauchen sah Er beanstandete nur den Plan, ihn nach Mannheim statt nach Wiesbaden zu schicken. „Wenn Professor Beines dich reif genug für die Bühne hält, warum solltest du dann nicht hier bei einer Probe an meinem Theater singen? Ich werde mit Baron Mutzenbacher, dem Intendanten des Hoftheaters sprechen und dann werden wir sehen, ob an deiner Geschichte wirklich etwas dran ist.“
Richard stimmte diesem Vorschlag eifrig zu; er sah darin zwei Möglichkeiten. Wenn es ihm hier fehlschlug, so blieb noch Mannheim! Am Sonntagmittag begleitete er seinen Vater, der ihm sagte, dass die Prüfung in einem Probensaal des Theaters stattfinden solle, um ihm jede ungünstige Kritik durch etwa im Hause anwesende Mitglieder des Theaters zu ersparen.
Aber als sie das Theater erreichten, ging der Intendant mit ihm über die Bühne und da . .., ganz „zufällig“, stand ein Klavier und daran saß ein Begleiter. Der Baron frug Richard, ob er auf der Bühne anstatt im Probensaal singen könne. Er brauchte die Frage nicht zu wiederholen!
Beines hatte für die Probe zwei Stücke sorgfältig ausgesucht, Taminos Arie aus der „Zauberflöte“ „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ und „Heimatfluren“ (Camps paterneß) aus Mehuls Oper „Joseph in Ägypten“, „Ich war ein Jüngling noch an Jahren“, eine Auswahl, die Richard später in sein ständiges Konzertrepertoire aufnahm. Nicht mehr „Lohengrin“, keine „Walküre“! Diesmal stand Richard im vollen Bewusstsein seiner Fähigkeit auf der Bühne, und diesmal wirkte er! Unten im Parkett saß sein Vater, schweigend und mit einem Ausdruck der Abbitte in den Augen. Schade, muss Richard gedacht haben, dass die beiden Experten nicht dabei waren.
Nach der Prüfung kam Baron von Mutzenbacher auf die Bühne, drückte Richard die Hand und sagte ihm, dass er in ein paar Tagen einen zweijährigen Kontrakt zum Unterzeichnen bekommen werde. Nur wenige Worte, und der Baron war gegangen. Was aber bedeuteten diese wenigen Worte für Richard! Und was ging in der Seele seines Vaters vor, als sie beide den Heimweg antraten! Der alte Tauber sprach kein Wort, und Richard, voller Freude und Triumph, vergab ihm die Jahre des Zweifelns.

Fortsetzung folgt.