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Teil I – Diana Napier über Richard Tauber

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Lesen sie die Erinnerungen Diana Napiers, an Richard Tauber, aus der Zeitschrift „Revue – Die Weltillustrierte“, erschienen als Fortsetzungsgeschichte, im Jahre 1949.

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Diana Napier – Dein ist mein ganzes Herz

Ins Deutsche übertragen von Catharina von Mayer

Diese Schilderung bedarf kaum eines Vorwortes. Die Verfasserin hat das Leben Richard Taubers mit so viel Verständnis und Liebe erzählt, dass eine Einführung fast wie eine Zudringlichkeit erscheinen könnte. Trotzdem greife ich gern zur Feder, weil ich mich über diese Gelegenheit freue, nicht nur als sein Impresario, sondern als sein Freund und Bewunderer von ihm zu sprechen. Ich habe die Laufbahn Richard Taubers zwar über ein Vierteljahrhundert verfolgt, aber erst durch sein Kommen nach England zu Anfang der dreißiger Jahre, lernte ich ihn wirklich kennen; vom ersten Augenblick an empfand ich große Zuneigung für ihn.
Dem größten Teil des englischen Publikums war Richard durch Lehàrs „Dein ist mein ganzes Herz“ und andere beliebte Lieder aus den Operetten, in denen er in seiner Heimat auftrat, bekannt. Aber es gab noch einen anderen Tauber, den berühmten Star der Opernhäuser von Dresden, Wien, Salzburg und Ber.in, und es freut mich besonders, dass dieses Buch dem Leser einen vollständigen Bericht über diese Seite seiner Laufbahn vermittelt und damit einem Können gerecht wird, von dem manche meiner Landsleute nicht genug wissen. Vor vielen Jahren hatte ich das Glück, ihn in der Kroll Oper in Berlin singen zu hören; damals wurde mir klar, dass in der Tat kaum ein anderer Richard Tauber in der Wiedergabe Mozartscher Musik erreichte.
Einer der ersten, die in ihm den geborenen Musiker, „dem das Geheimnis der Schönheit anvertraut war“, erkannten, war Bruno Walter, als er ihn als jungen Sänger an der Königlichen Oper in Dresden hörte. „Tauber besaß nicht nur eine fehlerlose technische Stimmbildung“, sagt er, „sondern er sang die ihm anvertrauten Melodien so natürlich, als wären es Improvisationen des Augenblicks. Sein Schönheitssinn und seine musikalische Meisterschaft adelten alles, was immer er sang.“
Mehrere Jahre später überredete ihn Franz Lehàr in Operetten zu singen, und ich hörte ihn mehrmals in Berlin, wo er und Gita Alpar Abend für Abend in gedrängt vollen Häusern vor einer begeisterten Zuhörerschaft auftraten. Ich war überzeugt, dass er, wenn er Englisch sänge, großen Erfolg in der leichten Operette in diesem Lande haben würde. Als ich 1932 die Premiere von Land des Lächelns im Drury Lane Theater besuchte, übertraf die Aufnahme sogar meine Erwartungen weit, und ich wurde wieder an den Ausspruch erinnert, „je älter man wird, desto besser lernt man die Schauspielkunst verstehen“.
Richard Tauber war ein liebenswürdiger Mensch. Wenn er auf der Bühne stand, strömte der ganze Reichtum seiner Persönlichkeit und seiner glücklichen Natur zugleich mit seiner herrlichen Stimme über die Rampenlichter. Es gibt keinen kräftigeren Beweis für seine Charakterstärke und seine künstlerische Begabung als jene unvergängliche Don-Giovanni-Vorstellung in Covent Garden am 27. September 1947, wo er schon ein schwerkranker Mann, sich noch einmal als einer der größten Mozartsänger bestätigte. Ich konnte nicht ahnen, dass an eben diesem Abend der Vorhang vor der Laufbahn dieses großen Künstlers und Freundes zum letzten Male niederfiel.
Charles B. Cochran.

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Als ich Richard kennenlernte, war er vierundvierzig Jahre alt und auf dem Höhepunkt seiner staunenerregenden Laufbahn. Das Gefühl der Bewunderung für einen großen Künstler und die gegenseitige Zuneigung, die in jenen ersten Wochen sich zwischen uns entwickelten, beherrschten naturgemäß bald meine Gedanken ausschließlich. Daneben konnte ich eine gewisse Neugierde nicht unterdrücken, über jenen Mann Näheres zu erfahren, von dessen bisherigem Leben ich so wenig wusste. Obwohl meine Reisen und meine enge Fühlung mit Bühne und Film meinen Horizont erweitert hatten, war der Lebenskreis eines englischen Mädchens doch so ungeheuer verschieden von dem eines österreichischen Sängers, dass mein Eintritt in Richards Welt ein seltsames und aufregendes Abenteuer für mich wurde.
Wir neigen oft dazu, die Bewohner des .Kontinents‘ mit amüsiertem Lächeln zu betrachten; wir mögen ihre Sitten, ihre Redeweise, ihre ausladenden Bewegungen, ihren Mangel an Humor lieben oder nicht lieben, aber meistens beschränkt sich unsere Berührung mit ihnen auf gelegentliche Treffen. Hier und da mögen wir wohl mit einem flüchtigen Gedanken die Gründe streifen, die sie so verschieden von uns erscheinen lassen, aber im ganzen neigen wir nicht dazu, diese Fragen zu ernst zu nehmen; ebenso wenig wird der durchschnittliche Franzose, Schweizer oder Österreicher übermäßig viel Zeit darauf verwenden, unsere nationalen Eigentümlichkeiten zu untersuchen.
Die engen Bindungen einer Ehe jedoch müssen diese lockere Einstellung verändern, und so war es nur natürlich, dass ich während der Jahre unseres Zusammenlebens über Richards früheres Leben nachdachte, dass ich versuchte, in ihm die Erklärung für viele Dinge zu finden, die mich anfangs beunruhigten und mir zu denken gaben. Wie waren die Umstände und die Umgebung seiner Kindheit? Woher stammte seine Musikalität? Wie wurde seine Stimme entdeckt? Auf welche Weise errang Richard Berühmtheit? Diese und tausend andere Fragen bewegten mich und allmählich entstand das Bild eines außergewöhnlichen Lebens.
Hier also meine Geschichte . .. Richards Geschichte.
Richard wurde am 16. Mai 1891 in einem kleinen Gasthof in Linz, der Hauptstadt von Oberösterreich geboren. Bei seiner Geburt war seine Mutter, erste Soubrette am Städtischen Theater, über vierzig Jahre alt. Sie war von Wien, wo sie bis vor kurzem die Hauptrollen an verschiedenen bekannten Theatern gespielt hatte, nach Linz gekommen; eine kleine Photographie, die ich unter Richards Papieren fand, zeigen sie in einer ihrer Lieblingsrollen als Boccaccio in Suppés bekannter Operette. Das verblasste Bild verrät, dass sie auf der Höhe ihrer Laufbahn eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit und Grazie gewesen sein muss, die man sich leicht als Liebling der Stadt vorstellen kann. Die Provinzstadt konnte ihr schwerlich den Glanz und Schimmer von Wien bieten, aber sie bedeutete in ihren beschränkten Grenzen doch Sicherheit und Auszeichnung.
In Linz begegnete sie Richard Anton Tauber, einem fast zehn Jahre älteren Schauspieler, der sich durch die klassischen Stücke von Goethe Shakespeare und Schiller schon einen Namen gemacht hatte. Er war ein begabter, ehrgeiziger Mann. Einige Zeit trat er am selben Theater auf, jedoch kurz vor Richards Geburt hatte er sich einer Gastspieltruppe angeschlossen, die mit einem sensationellen Stück, ,,Der Fall Clemenceau“, in den Vereinigten Staaten gastierte.
Das Verhältnis zwischen Mutter und Vater scheint zu der Zeit, als Richard geboren wurde, in ein kritisches Stadium getreten zu sein. Es gab sicher eine ganze Reihe von Gründen für diese heikle Situation. Beide gehörten von Beruf zum Theater, jedoch jeder zu einem anderen Zweig. Die unvermeidliche Folge davon war, dass sie ihre Arbeit oftmals in verschiedene Teile des Landes — ja, wie wir sahen — der Welt führte. Und man füge noch die Tatsache hinzu, dass Richards Vater sich noch im Aufstieg zum Ruhm befand, während seine Mutter an der Schwelle ihres Niederganges stand. Man kann sich nicht wundern, dass die geographische Trennung die Entfremdung verschärfte, die bald mit dem völligen Bruch endete.
Inzwischen waren die Garderoben die Kinderstube des jungen Richard geworden, und der Geruch von Puder und Schminke verband sich vom ersten Lebenstage an mit der Luft, die er atmete. Alle Mitglieder des Theaters, von der Primadonna bis herunter zu den Reinmachefrauen, statteten ihm regelmäßige Besuche ab, und es scheint, dass er schon damals besonders beliebt bei den Damen war.
Obwohl die Theaterdirektion selbstverständlich mit gemischten Gefühlen auf Richards Leben „zwischen den Kulissen“ blickte, weigerte sich seine Mutter anfangs, sich von ihrem Kinde zu trennen. Als sie jedoch bald darauf auf Tournee gehen musste, wurde ihr klar, wie schwierig es sein würde, das Baby mit auf ihre Wanderschaft zu nehmen. Deshalb wurde Richard einer Bauernfamilie übergeben, die versprachen, gut für ihn zu sorgen, und allen Berichten nach taten sie das auch mit viel Liebe und Sorgfalt.
Dieser Ausflug ins Landleben war aber nur von kurzer Dauer. Kaum ein Jahr war vergangen, als seine Mutter die Trennung nicht länger ertragen wollte, und von dieser Zeit an begleitete Richard seine Mutter auf ihren verschiedenen Reisen durch Österreich. „Ich begann mit meinen Reisen in sehr jungen Jahren“, erklärte Richard später stets mit Stolz, aber er konnte als Kind nicht wissen, dass eines Tages sein ganzes Leben eine endlose Reise auf Schiffen, in Bahnen, Autos und Flugzeugen werden sollte.
Der andere und zweifellos bedeutendste Eindruck aus seiner Kinderzeit war seine Liebe zur Musik. Von früh bis spät klang das Singen und Summen von bekannten Operettenmelodien in seinen Ohren, und vielleicht entwickelte sich in dieser ersten Zeit seine Vorliebe für die leichten Weisen der volkstümlichen Komponisten, die ihn später oft die Werke von Johann Strauß oder Franz Lehàr den Klassikern vorziehen ließen. Auf seinen bedeutsamen Übergang von der Oper zur Operette, zu dem er sich dreißig Jahre später entschloss, werde ich zurückkommen, wenn seine Laufbahn diese viel umstrittene und missverstandene Wendung nahm.
Sechs Jahre lang durchstreifte Richard mit seiner Mutter Österreich von einem Ende zum anderen, führte er das Wanderleben von Theaterleuten, genoss die Freiheit und Ungebundenheit, die diese Art Leben in vollem Maße gestattet. In dieser Zeit befestigten sich die Bande zwischen Mutter und Sohn immer mehr. Wenn auch die Verhältnisse sie später oft für lange Zeiten trennten, hielten sie einen regelmäßigen Briefwechsel aufrecht, der die große Liebe, die sie für einander hegten, bezeugt. Sooft ihr berühmter Sohn es ermöglichen konnte, besuchte er sie in ihrem Heim in Salzburg, wo sie bis zu dem hohen Alter von neunzig Jahren lebte, umgeben von Tausenden von Photographien und Andenken an Richard.
Richard war erst sechs Jahre alt, als ein wichtiges Ereignis eintrat, das sein ganzes Leben verändern sollte. Wie erwähnt, waren die Beziehungen zwischen seinem Vater und seiner Mutter schon längst durch Scheidung beendet. Als er jedoch heranwuchs, wurde es für seine Mutter immer schwieriger, die wachsenden Anforderungen des Theaterlebens mit den Pflichten der Überwachung eines Buben, der ein ziemlich stürmisches, mutwilliges Alter erreicht hatte, zu vereinen. Unerwartet tauchte eines Tages sein Vater auf. Er erkannte bald, dass das Kind eine kräftige und führende Hand brauchte, die sein zukünftiges Leben formt. Als Schauspieler vergnügten ihn die Possen seines Sohnes durchaus, vor allem erstaunte ihn sein großes Interesse für Musik, das so deutlich des Buben ganzes Sein beherrschte. Schon in diesem zarten Alter zeigte Richard ein bemerkenswertes Talent für das Auswendiglernen von Melodien und vielen Liedern, und so ist es wohl möglich, dass dem Vater Tauber damals die Möglichkeit einer musikalischen Laufbahn für seinen Sohn vorschwebte.
Vorläufig jedoch wurde beschlossen, dass der Knabe bei ihm leben sollte. Wenn auch dieser Schritt großen Einfluss auf Richards Entwicklung und seinen Aufstieg zur Berühmtheit haben sollte, so waren die unmittelbaren Folgen doch wenig nach des Knaben Geschmack. Da er wusste, dass sein Vater Schauspieler war, erwartete er, in seinem Wunsch, in die Fußstapfen seiner Eltern zu treten, bestärkt zu werden. Aber „Papa“ Tauber war durch eine sehr harte Schule gegangen und kannte die weniger verlockenden Seiten des Bühnendaseins nur zu gut, um seinen Sohn dieselben quälenden Erfahrungen zu wünschen. Jahrelang die Kräfte unterschätzend, die Richard auf die Bühne zogen, hoffte er inbrünstig, dass der Vorteil einer guten Erziehung und das geordnetere Leben in einer großen Stadt wie Berlin mit der Zeit des Knaben hartnäckiges Bestehen auf der Theaterlaufbahn wandeln würde. Er stellte ihn sich als Arzt oder Rechtsanwalt vor, als einen Mann von Gewicht und hoher sozialer Stellung, weit jenseits sozialer Stellung, weit jenseits des unsicheren Wanderlebens eines Schauspielers oder Sängers.
Anfangs schien es, als sollte der Wechsel in seinem Leben Richard seine Träume vergessen lassen. Berlin bot damals ein völlig anderes Bild als eine Kleinstadt wie Linz; der vielen kleinen Orte, durch die er mit der Theatertruppe seiner Mutter gezogen war, gar nicht zu gedenken. Der Anblick der Hauptstadt des Deutschen Reiches muss den Knaben kolossal beeindruckt haben. Aber sein Enthusiasmus bekam einen heftigen Stoß an dem Tag, als sein Vater ihn zur Schule brachte. Der Abscheu, mit dem Richard immer auf seine Schulzeit zurückblickte, der Hass, mit dem er besonders an Mathematik und Latein dachte, verfolgten ihn sein ganzes Leben so sehr, dass er in. späteren Jahren als berühmter Sänger noch immer mit Scheu an dem großen Torbogen in der Lützowstraße vorüberging, durch den er als Kind zur Schule ging. Der Glanz der großen Stadt, die Liebe und Zuneigung seines Vaters vermochten nicht, ihn über den Verlust des freien und leichten Lebens mit seiner Mutter in Österreich zu trösten. Und hätte sein Vater nicht Mitleid mit den Gefühlen seines Sohnes empfunden, hätte er unnachgiebiger auf Schularbeit und Disziplin bestanden, wäre es tatsächlich fraglich, welche Entwicklung das Leben des Knaberl genommen hätte.
Glücklicherweise erinnerte sich sein Vater noch seiner eigenen Jugend, und wenn er es auch für seine Pflicht hielt, seinen Sohn zu einem Mindestmaß von Schularbeiten anzuhalten, so erlaubte er ihm trotzdem mehr als üblich, seinen Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen. Natürlich waren diese mit dem Theaterleben verbunden. Richard und seine Freunde verkleideten sich in geborgten oder improvisierten Kostümen und spielten Theaterstücke eigener Erfindung, oder aber die Bande bewaffnete sich mit den verschiedensten Küchengeräten und bildete ein „Orchester“. Unter der vorzüglichen Leitung des jungen Tauber vollführten sie einen so schrecklichen Lärm, dass Vater Tauber nur mit Mühe die Nachbarn daran hinderte, die Polizei zu holen.
Einer seiner besten Kinderfreunde war Paul Stein, der dreißig Jahre später Richards größten Bühnenerfolg dirigieren sollte: „Das Dreimädlerhaus“. Paul wohnte im gleichen Hause und erinnert sich mit größtem Vergnügen an jene Jugendjahre in Berlin.
„Richard war heiter und mutwillig. Er nahm nichts sehr ernst, und wenn die Bande irgendeine Missetat plante, schloss er sich mit Begeisterung an. Um diese Zeit hatte er zwei große Leidenschaften. Die eine war seine Liebe für dramatische Dichtkunst. Ich erinnere mich noch gut an ein Gedicht, das ,Die Tabakspfeife‘ hieß, das er uns immer von neuem vorsagte. Er schnitt Gesichter, fuchtelte mit den Armen, sprach bald im Flüstern, bald schrie er aus vollem Halse, und wir lauschten voller Ehrfurcht und Bewunderung. All das spielte sich in unserem geheimen Versteck ab, einem fensterlosen Hausspeicher. Seine andere Leidenschaft war, ein Orchester zu leiten. Und im Gedanken an all die Pfannen und Töpfe, die unter seiner Dirigentschaft, begleitet von unseren, die Musikinstrumente nachahmenden Stimmen zu Klumpen zerschlagen wurden, wundere ich mich, dass die übrigen Hausbewohner nicht den Verstand verloren. ,Papa‘ Tauber ermutigte uns bei unseren .dramatischen Liebhabereien‘ und schrieb sogar gelegentlich ein kleines Stück für uns.“
Richards glücklichste Stunden waren die, wenn sein Vater ihn mit ins Theater nahm und er Proben beiwohnen durfte. Der Knabe wurde so aufgeregt, und diese Besuche machten offenbar einen so starken Eindruck auf ihn, dass Tauber Senior das Vergebliche seines Versuches, Richard von der Bühne fernzuhalten, einsah. Das einzig mögliche war, mit einem Urteil zu warten, bis der Junge älter war; inzwischen schloss er ein Auge, oder noch öfters zwei, wenn er hörte, dass Richard zu den Letzten seiner Klasse gehörte.
Dieses wortlose Verstehen führte allmählich zu sehr herzlichen Beziehungen zwischen ihnen. Sei es, dass Richard die Notwendigkeit, sich in der Schule mehr anzustrengen, erkannte oder nicht, jedenfalls scheint er ernstlich versucht zu haben, seines Vaters Wünsche zu erfüllen, und die Sache kam nur noch ganz selten zur Sprache. Aber natürlich war es das größte Vergnügen des kleinen. Knaben, seine Ferien bei seinem Vater zu verbringen. Dann waren alle Sorgen vergessen, und ,Papa‘ begann mit großem Stolz auf die Geschicklichkeit seines Sohnes zu blicken, wenn er vor Freunden wie vor Fremden seine Talente zeigte. Damals hatte seine Sopranstimme sich zu voller Schönheit entwickelt, und die Leichtigkeit, mit der er bekannte Melodien aufgriff, machte ihn zu einem willkommenen Starinterpreten in den Hotels und Gasthöfen, die sie besuchten.
Sein erstes öffentliches Auftreten fand in Innichen, einem kleinen Kurort in I Tirol, statt, als er mit neun Jahren bei einem Konzert mitspielte. Der Junge eroberte seine Zuhörerschaft im Sturm und erhielt großen Applaus. Man kann sich die Freude vorstellen, mit der ein alter Routinier wie Tauber Senior den Triumph seines Sohnes beobachtete.
Viele dieser Ferientage wurden in dem berühmten Gasthof „Zum Weißen Rössl“ j am St.-Wolfgang-See, in Lied und Film verewigt, verlebt. Die Taubers waren stets willkommene Gäste dort, und Richard wurde bald der Liebling der stattlichen Wirtin, Frau Draßl. Nicht, dass er immer gut bei ihr stand; da gab es zu viele zerbrochene Fensterscheiben; zu viele an den Schwänzen der Kühe befestigte Ziegelsteine; zu viele beschädigte Heuschober und andere Streiche, die Richard sich zusammen mit seinen Kameraden aus dem Dorfe leistete, und oft rang sie die Hände über ihn. Aber wenn er im Speisesaal vor den Gästen stand und sie mit seiner schönen Stimme bezauberte, dann wurde ihm alles vergeben, und mancher stürmische Nachmittag endete abends mit Süßigkeiten und Umarmungen.
Im Jahre 1903 wurde Richards Vater Mitglied des Hoftheaters in Wiesbaden; ein Wechsel, der ungeheuren Einfluss auf Richards Lebenslauf haben sollte. Mein Schwiegervater hatte sich damals mehr oder weniger mit dem Gedanken ausgesöhnt, dass sein Sohn höchstwahrscheinlich einen Beruf ergreifen würde, der ihn, wenn nicht direkt zur Bühne, so doch in engen Kontakt mit ihr bringen würde. Jeder Zweifel über Richards Entschluss, nicht Rechtsanwalt oder Arzt zu werden, wurde gebieterisch durch seine entmutigenden Schulzeugnisse widerlegt. Nach allem, was mir erzählt wurde, muss er in der Tat ungefähr der untauglichste Schüler seines Jahrganges gewesen sein.
Mit der Zeit wurde die Sache immer schlimmer, bis schließlich der Direktor der Wiesbadener Schule in seiner Verzweiflung seinen Vater zu einer Besprechung bat. Die unmittelbare Ursache zu dieser „freundlichen“ Einladung war eine Zwischenprüfung in Latein gewesen, in der Richard geradezu Wunder an Unzulänglichkeit verrichtet haben muss. Merkwürdig, dass gerade Latein seinen Sturz — wenn man es so nennen darf — herbeigeführt hat, denn später bei seinem Auftreten in der Dresdner Hofkirche und in Oratorien sang er oft in dieser Sprache. Damals jedoch erwies sich Latein als der hauptsächlichste Stein des Anstoßes in seiner Schullaufbahn. „Um Himmels Willen“, rief der vielgeplagte Direktor, „nehmen Sie diesen Jungen von der Schule. Er wird nie etwas erreichen. Er ist einfach unmöglich!“
Also nun war es so weit. Nutzlos, den Knaben zu zwingen, wenn er mit ganzem Herzen danach strebte, in die Fußstapfen seiner Eltern zu treten. Schließlich, konnte man ihm einen Vorwurf daraus machen, dass er zur Bühne gehen wollte, nach dem doch jeder Augenblick seines jungen Lebens in die Theateratmosphäre getaucht gewesen war?
Wiesbaden erlebte damals den Höhepunkt seines Glanzes. Tausende von Besuchern strömten von allen Teilen der Welt dorthin, nicht nur um seine heilkräftigen Wasser zu trinken, sondern auch um den unvergleichlichen Glanz einer Hochsaison künstlerischer Leistungen zu genießen. Die Maifestlichkeiten waren wahrscheinlich die stärkere Anziehung für die Gesellschaftskreise jener Zeit und selbst der Kaiser nahm immer großes Interesse an den Programmen des Hoftheaters; er kam oft schon Tage vor der Eröffnung, um den Proben persönlich beizuwohnen.
Als Sohn eines bekannten Schauspielers war es für Richard ein leichtes, sich ins Theater zu schleichen um Sänger und Schauspieler bei ihrer Arbeit zu belauschen, und all das Hin und Her, all die Aufregung waren für ihn ein Märchenland.
Richards musikalische Ausbildung erwies sich anfangs nicht gerade als ein Erfolg. Zwar hatte er ein gutes Gehör für Melodien, ein erstaunlich zuverlässiges Gedächtnis für noch so verwickelte und schwierige Weisen; seine Sopranstimme war rein und schön. Aber als sein Vater ihn zu einem Musiklehrer schickte, um Geige und Klavier zu lernen, ließen sich diese Ausflüge in eine andere Ausbildungsbranche nicht viel besser an als seine Versuche mit Mathematik und Latein. Merkwürdigerweise waren auch seine Zensuren für Musik sehr schlecht. War es die pädagogische Methode, die sogar seine größte Leidenschaft, die Musik, verdarb? War es einfach Faulheit? War es Mangel an Anerkennung, die ohne schwere und systematische Arbeit auch in diesem Bereich nicht erlangt werden kann?
Wahrscheinlich muss die Antwort in einer Verbindung aller drei Faktoren gesucht werden, denn sobald Richard erkannt hatte, dass die Leiter des Ruhmes nur durch beharrliche Anstrengung zu erklimmen sei, gab es keinen zäheren Arbeiter als ihn. Ich erinnere mich nur zu gut an die unglaubliche Ausdauer, mit der Richard sich seinen Studien widmete. Mir war es oft rätselhaft, woher er die körperliche Energie schöpfte, um stundenlang ohne Unterbrechung in seinen Übungen fortzufahren. Wenn er einmal im Arbeiten war, kostete es einen ungeheuren Aufwand an Überredung und Bitten, um ihn von seinem geliebten Klavier fortzubringen.
Aber diese Zeit lag noch in weiter Ferne. Das Geigenspiel wurde nach ein paar Stunden aufgegeben. Dem Klavier erging es nicht viel besser. Aber eines Tages fing er an, an seine Stimme zu glauben, und wie jeder ungeübte Amateur pflegte ei am Klavier zu sitzen und eine Melodie nach der anderen mit seinen suchend über die Tasten gleitenden Fingern hervorzuhämmern. Zu seiner eigenen Begleitung sang er ein Lied nach dem andern, eine Arie nach der anderen, womit er seinen Vater zur Verzweiflung trieb. Doch er fuhr eigensinnig stundenlang damit fort, bis sein beständiges üben Erfolge zeitigte, die sein geduldiger Lehrer bei seinem methodischen Vorgehen nicht erreicht hatte. Wenn er einmal müde wurde, trieb ihn ein Theaterbesuch, die Vorführung einer Oper, der Gesang irgendeines Stars, dem er besonders huldigte, erbarmungslos zurück an sein Instrument mit dem brennenden Wunsch, dieselben Arien zu singen wie der Meister. In späteren Jahren konnte Richard mit Recht sagen: „Meine Stimme war es, die mich Klavierspielen gelehrt hat“. Er besaß zweifellos eine Begabung für Musik, aber jeder Versuch, ihn für eine musikalische Laufbahn auszubilden, hatte augenscheinlich versagt. In seiner Verzweiflung hatte der Vater sogar versucht, ihn Schauspieler werden zu lassen, aber auch dieses rühmliche Vorhaben musste aufgegeben werden infolge völligen Mangels an Interesse. Alles was er, wie es schien, zu tun wünschte, war Zeit seines Lebens am Bühneneingang des Theaters herumzulungern, während der Proben im Hintergrund der Logen zu sitzen oder seinen Vater zu begleiten, wenn dieser Theaterkollegen besuchte. Was war zu tun?
Besonders ein Mann schien die schrankenlose Bewunderung des Jungen erweckt zu haben. Ein glänzender Tenor, Heinrich Hensel, war vom Hoftheater engagiert worden und hatte sich bald mit den beiden Taubers eng befreundet. Richard hing sich an den Tenor, und nichts machte ihm größeres Vergnügen als seinen Helden zum Theater zu begleiten, zuzusehen, wie er in seiner Garderobe die wunderbaren Kostüme anlegte; kein stolzerer Augenblick, als wenn ihm erlaubt wurde, alle möglichen Aufträge für ihn auszuführen oder dem Mann, den er so leidenschaftlich bewunderte, die Noten nachzutragen. Hensel war für Richard das Vorbild, nachdem er in jener Zeit seinen ganzen Lebensstil richtete; er versuchte sogar, Hensel in seiner Kleidung nachzuahmen, die dem Knaben, als die einzig mögliche erschien, die alle tragen sollten. Der Wechsel der Jahreszeiten scheint ihn nicht sehr gestört zu haben, und man kann sich das lächerliche Resultat seines Ehrgeizes vorstellen, wenn Richard an einem sehr heißen Maitag stolz über die Hauptstraßen von Wiesbaden in einem alten, mottenzerfressenen Pelzmantel schritt, den er aus seines Vaters Garderobe geliehen hatte, auf dem Kopf einen riesigen, breitkrempigen Hut, unter dem eine lange Mähne hervor sah. Der Ströme von Schweiß, die an seinem erhitzten Gesicht herunterrannen, nicht achtend, unbekümmert um das Lächeln der Leute, muss er eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt gewesen sein.
Seine Begeisterung war am größten, wenn er Hensel in der Rolle des „Lohengrin“ beobachten konnte. Dies, fühlte er, war die vornehmste Rolle, die je ein Tenor während seiner ganzen Laufbahn zu singen gewürdigt wurde. Hensel trug ein für diese Rolle besonders entworfenes Kostüm, das in der Tat ein wahres Meisterstück gewesen sein muss; so dass Neid und Bewunderung Richard eines Tages zu einem überraschenden Gewaltstreich trieben.
Unter einem Vorwand schlich er sich in Hensels Garderobe und, nachdem er eilig das funkelnde Gewand zusammengepackt hatte, begab er sich unverzüglich zu einem Photographen, den er durch seinen Vater kennengelernt hatte. Innerlich belustigt, ging dieser gutherzig auf die Verschwörung ein, und bald stand der junge Nichtsnutz vor der Kamera in dem fließenden Mantel, der von einem Paar schmaler Schultern herabfiel, im strahlenden, mit Papier ausgestopften, gefährlich auf seinem Kopf schwankenden Helm, während seine Hände das grimmig ausschauende Schwert des Gralshelden umklammerten. So lächerlich das Bild wohl später Richard erschien, damals wurde es das heiligste Besitztum des Kindes, dessen Geheimnis er nicht einmal mit seinem besten Freunde teilte.
In vieler Hinsicht übte seine Verehrung für Heinrich Hensel einen sehr günstigen Einfluss auf Richards Musikstudium aus. Nichts machte ihm so viel Vergnügen, als wenn er seinen Helden am Klavier begleiten durfte, was Stunden harter Arbeit und wochenlange Übungen und Tonleitern erforderte. Aber ein anerkennendes Lächeln des Tenors erreichte mehr als die einstigen Ermahnungen seines Musiklehrers, und oft gab es auch greifbare Belohnungen wie einen Freiplatz im Theater oder auch aufregendere Abenteuer, wenn zum Beispiel Hensel ihn als „Ankleider“ mit auf eine Tournee nahm. Eines der aufregendsten Erlebnisse war eine Reise nach Brüssel, wo Richard die Rollen des Sekretärs, Vertrauten und Laufburschen bei dem berühmten Sänger spielte. Und was den Buben vor allem an Hensel fesselte, war, dass dieser mit voller Überzeugung sein Streben, Sänger zu werden, unterstützte. Oft diskutierte er diese Möglichkeit mit „Papa“, indem er ihm vorstellte, wie falsch es sei, des Knaben leidenschaftlichen Wunsch nur deshalb abzuschlagen, weil seine Stimme zu klein scheine. Noch lange Zeit wollte sein Vater nichts von solchen Ratschlägen hören.
Aber Richard war nicht leicht abzuweisen. Er fuhr fort mit Bitten, Weinen, Stürmen, bis endlich eines denkwürdigen Tages sein Vater, völlig erschöpft durch die endlosen Erörterungen, nachgab. Nicht, weil er etwas von Richards Stimme hielt; das wäre irrsinnig gewesen! Nein! Einfach weil er sicher war, dass jeder, der den Namen eines Gesanglehrers verdiente, den Ehrgeiz des Knaben ein für alle Mal lächerlich machen und damit endlich den Frieden im Hause Tauber wiederherstellen würde.
Es gereicht Richards Vater zur Ehre, dass er seinen Sohn nicht einfach zum erstbesten Lehrer schickte. Er war sich des Ernstes, mit dem der junge Mann der kritischen Beurteilung seines höchsten Strebens entgegensah, bewusst. So wurde Richard also nach Wien geschickt, um einem berühmten Bariton vorzusingen, einem alten Freund der Familie, bekannt als erstrangiger Stimm-Sach-verständiger. über das Ergebnis der Reise bestand bei Richard nicht der geringste Zweifel.
Hier seine eigenen Worte über seine Reiseeindrücke:
„Ich verließ Wiesbaden mit großen Hoffnungen und mit der absoluten Gewissheit, dass ich im Triumph zurückkehren werde. Bei meiner Ankunft in Wien wurde ich von der Familie des Freundes meines Vaters mit größter Freundlichkeit empfangen. Ich sah mit großen Erwartungen dem wichtigen Augenblick entgegen, und die Aufregung ließ mich den größten Teil der Nacht schlaflos verbringen. Endlich graute der Morgen; ich war schon Stunden vor der verabredeten Zeit fertig. Dann, bewaffnet mit den Noten zu Wagners „Lohengrin“, mein Selbstbildnis — das in Hensels Kostüm aufgenommene — als Glückszauber in meiner Brusttasche verborgen, machte ich mich auf den Weg zum Theater. Ich hatte die „Gralserzählung“ einstudiert und wusste sie selbstverständlich auswendig. Keinen Augenblick zweifelte ich am Ergebnis der Prüfung. Der Erfolg war gewiss! Jedoch, als ich den Raum betrat, in dem die Prüfung stattfinden sollte, war ich doch nervöser, als ich zugegeben hätte. Schließlich war dies doch der wichtigste Augenblick meines Lebens!
Der Meister nickte mir ermutigend zu, und ich begann — alles um mich her vergessend — mit voller Hingabe Lohengrin zu singen.
Was er mir jedoch nachher auf dem Heimwege sagte, war weit weniger hoffnungsvoll, als ich erwartet hatte. Aber der schwerste Schlag sollte noch folgen! Der Brief, den er meinem Vater schrieb, war wie ein Donnerschlag. Er schien die Totenglocke all meiner Hoffnung, all meines Strebens.
Lieber Freund,
Um Gottes Willen, halte diesen Jungen davon ab, Sänger werden zu wollen, er hat nicht die mindeste Aussicht! Keine Stimme! Es ist nicht einmal so etwas wie ein dünner Faden vorhanden!

Fortsetzung folgt.