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Den Frauen warf er Millionen nach

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Den Frauen warf er Millionen nach.

OÖN Redakteur Reinhold Tauber sprach mit Max Tauber über Richard Tauber.

Richard Tauber wollte Dirigent werden, weil ihm sein bester Freund erklärt hatte, noch nie eine derart schlechte Stimme gehört zu haben wie seine. Er lernte Klavier und Geige, und seine Musiklehrer erklärten, noch nie einen derart faulen Schüler unterrichtet zu haben. Später wurde der Faule fleißig, und geschickte Lehrer entfalteten sein Talent. Richard Tauber, der heute seinen 90. Geburtstag feiern könnte, starb am 8. Jänner 1948 in London als einer der berühmtest gewordenen Sänger unseres Jahrhunderts. Er hatte mit seiner Stimme Millionen verdient und wieder verschleudert. In London war er gänzlich verarmt. Sein in Bad Ischl lebender Cousin und ehemaliger Manager weiß auch um den Grund: „Die Frauen waren schuld.“
Irgendwann im Gespräch kommt die Rede auf Richard Taubers zweite Frau, die in England lebt: „Von der möchte ich überhaupt nicht reden.“ Max Tauber gebraucht rund um diesen Satz einige Begriffe, die nicht im Wörterbuch des Gentlemans stehen. „Richard hatte schon ein großes Glück. Immer wieder stieß er auf Frauen, die nicht zu ihm gepasst haben.“ Der berühmte Sänger war zweimal verheiratet, aber außer Spesen war In Richtung Eheglück nichts gewesen.
Max Tauber, über 91 Jahre alt, wohnt in der „Villa Tauber“, wo er nach einem reichlich bewegten Leben nun endgültig gelandet ist. Das Haus steht an der Traun, keine dreh Gehminuten weiter traunabwärts steht die Villa von Franz Lehar, der Richard Tauber und den Richard Tauber berühmt machte. Denn Lehar schrieb mit Liedern wie „Dein ist mein ganzes Herz“ direkt auf den Sänger zugeschriebene Renner, die dieser in allen Sprachen, sogar auf Arabisch, sang und die millionenfach auf Platte gepresst wurden, und anderseits wurden Lehar-Operetten, In denen Richard Tauber die männlichen Hauptrollen verkörperte, Welterfolge.
Lehar starb wenige Monate nach Richard Tauber, und in Bad Ischl leben die Erinnerungen fort: in Gedenkstätten und in einem lebenden Erinnerungsbuch, eben in Richards hochbetagtem Cousin.
Es war dem kleinen Richard, den seine Mutter am 16. Mai 1891 im Linzer Hotel „Zum Schwarzen Bären“ geboren hatte, nicht an der Wiege gesungen worden, dass er eines Tages ein großer Star sein würde, und dem kleinen Max hatte man nicht ins Ohr geflüstert, er werde eines Tages seinen berühmten Cousin durch geschicktes Management in einer für damalige Verhältnisse auf dem Sänger-Sektor unfassbaren Weise reich machen.

Nicht viel Freude bei der Arbeit

„Ich war ein Fabrikantensohn, und mit dem Arbeiten hatte ich nicht viel Freud‘, registriert Max Tauber trocken. Die Familie kam aus Wien nach Innsbruck und später nach Oberösterreich. Ein Sohn der Familie fiel gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges, und der zweite männliche Spross des Wiener Zweiges der Familie Tauber hatte nicht den Ehrgeiz, die Weltwirtschaft aus den Angeln zu heben. Er war leidenschaftlicher Sportler – Eishockey, Fußball, Tennis, er machte auch den Pilotenschein. „War halt ein Lebenskünstler.“ Sein wirtschaftlich denkender Vater hielt wenig von dieser Form der Lebenskunst und steckte Filius Max sehr gegen dessen Willen in ein Wiener Schuhgeschäft als Praktikanten, damit er die Arbeitswelt von Grund auf kennenlerne.

Berühmter Guldenspender

„Freud‘ hat’s mir keine gemacht, wirklich nicht. Na, und da kam eines Tages einer ins Geschäft, der sah aus wie ein Pfarrer und wollte seine Schuhe geputzt haben. Ich sollte r:e ihm putzen. Das mocht‘ ich schon gar nicht, aber was half ’s. Nachher gab mir der Herr einen ganzen Gulden, das war mein erstes richtig verdientes Geld, und meinte: ,Merk dir, mein Junge, auch wenn man etwas nicht so von Herzen mag, soll . man es doch mit Liebe machen, dann bringt man es zu etwas.‘ Das war der Gerhart Hauptmann…“
Max befolgte das Rezept des berühmten Gulden-Spenders, mochte das Schuhzeug nicht von Herzen, brachte es jedoch in sieben Jahren bis zum Prokuristen der Firma. ! Das widerwillig entfaltete Geschäftstalent von Max scheint sich in der Familie herumgesprochen zu haben, auch in den künstlerischen Zweig.
„Eines Tages ist der Richard zu mir gekommen, der immer berühmter wurde, und hat gesagt, ,Max, ich schaff ’s alleine nicht mehr‘. Da habe ich eben dann angefangen, ihn zu managen.“
Die beiden kauften sich 1920 die Villa in Ischl, in deren Rückgebäude Max Tauber es sich nun gemütlich macht, und begannen ihren gemeinsamen Weg.
Richard Tauber war ein begnadeter Künstler, der nur für den Tag — und für die Frauen — lebte. Max war ein nüchtern denkender Geschäftsmann, der seinem Cousin Traumgagen verschaffte, aber auch an die Zukunft dachte: „Ich habe ihm so oft gesagt: .Richard, so geht das nicht weiter. Du musst auch an die Zukunft denken. Du kannst dein Geld nicht einfach so herumwerfen in der Gegend.‘ Aber da wurde er fürchterlich böse und meinte, ich solle mich um meinen Geschäftskram kümmern und mich nicht in sein Privatleben mischen, das ginge mich nichts an. Was sollte Ich machen. Ich fuhr meistens mit Ihm, durch ganz Deutschland, nach Wien, nicht nur wegen der Verträge, sondern auch, damit er keine Dummheiten mache. Aber er machte viele.“
Als Richard Tauber zu singen begann — er startete seine Karriere am 2. März 1913 als Tamino in Mozarts „Zauberflöte“, und ausgerechnet Im Theater von Chemnitz, in dem sein Vater inzwischen Direktor geworden war, bekam er Gagen von 300 bis 500 Kronen. In jener Zeit kostete in Wien ein Paar Schuhe etwa 60 Kronen. Davon konnte Richard zwar leben, aber es war doch noch bescheiden.
Max: „Ich habe das dann radikal geändert.“

Er änderte es In der Tat radikal. 1928 verdiente Richard Tauber die für damalige Zeiten gigantische Summe von einer halben Million Mark, und das war noch lange nicht der Rekord. Die guten Jahre brachten eine Million und mehr. In jedem der 80 Filme, die er für eine eigens für Ihn Ins Leben gerufene Firma drehte, kassierte er alleine 300.000 Mark Honorar. Von den Platten, von seinen hochbezahlten, umjubelten Abenden im ganzen deutschen Sprachraum, an der Wiener Staatsoper nicht zu reden.„Er sang fast jeden Tag. Ich hab‘ auch da versucht, ein bisschen einzudämmen, ihn daran erinnert, dass auch eine noch so gute Stimme Ruhe braucht. Aber das hat er mir übelgenommen.“
So managte Max halt, handelte Verträge und Gagen aus. „Ich hab‘ die Gagen hochgetrieben, so was gibt’s ja gar nicht. Aber man hat ~es uns leichtgemacht ich hab‘ verlangen können, was ich wollte, und es wurde bezahlt.“

Sänger mit Komplexen

Max Tauber kassierte von den Einnahmen zehn Prozent als seinen Anteil, davon konnte auch er gut leben, insbesondere weil „ich immer ein Knausere war. immer klein gelebt habe“. Was von seinem berühmten Vetter nicht zu behaupten war. Der brauchte sein Geld. Für Vergnügen, für Frauen. „Frauen waren sein Hobby.“ Ein teures Hobby, und er kompensierte mit ihnen manches.
„Er war… wie soll ich Ihnen das sagen… ja, er hatte einen Minderwertigkeitskomplex. Er war nicht schön, wirklich nicht. Er hat einmal eine schwere rheumatische Erkrankung durchgemacht — nach der wurde er erst so richtig berühmt —, seither war er gehbehindert. Er hat die Frauen bestechen, er hat sie erkaufen müssen.“
Richard Tauber bezahlte teuer, dass er als Frauenheld in der Welt gelten wollte.
„Da war zum Beispiel der Juwelier Markgraf in Berlin. Bei dem kaufte Richard — Ich sage Ihnen das nur als ein Beispiel — eines Tages für eine Dame eine Perlenkette um 350.000 Mark. Und solche Beispiele gab es viele. Wie viel das vergleichsweise heute kosten würde? Das Zehnfache, mein Lieber, leicht das Zehnfache … Aber da ließ sich Richard nichts dreinreden. Außerdem war er sehr misstrauisch, er hat sein Geld immer mit sich herumgetragen, es im Hotelsafe deponiert. Hatte immer 400.000 oder 500.000 Mark bei sich — und sie schnell wieder ausgegeben.“
Die Glücks- und Goldsträhne dorrte nach 1933 allerdings langsam aus. In Deutschland wollte man den weltberühmten Tenor wegen seiner jüdischen Abstammung nicht mehr dulden, und 1938 war auch Osterreich nicht mehr drin. Richard Tauber ging nach England, sein Cousin Max nach Amerika, „der Faden Riss“. Max schlug sich in den Staaten als Feinmechaniker durch, war gerade so lange drüben, dass er amerikanischer Staatsbürger wurde, was ihm eine Pension einbrachte, von der er heute zehrt. Richard Tauber bereiste die Welt, auch die Staaten, doch hatten die beiden geschäftlich nichts mehr mitsammen zu schaffen. „In London hat der Richard zuletzt schon gesungen, um irgendwas zum Leben zu haben.“
Das Ende: Lungenkrebs
Max, der 1931 in Bad Ischl geheiratet hatte, kehrte hierher zurück, auch Richard Tauber kam noch einige Maie, sang auch in Ischl in Konzerten. Aber das war schon der Abgesang. Lungenkrebs, von dem der Sänger nichts wusste, beendete das Sängerleben abrupt.

Was war das Geheimnis seines Erfolges?

„Es war seine Musikalität, die Art der Wiedergabe, besonders sein Piano und sein« Falsett-Technik. Sein Piano fand ich allerdings manchmal übertrieben. Ich sagte ihm auch, .Richard, du gehst einen falschen Weg‘. Na, mehr habe ich nicht gebraucht. Obwohl er mich sonst sehr viel um Rat gefragt hat, ob er etwas so oder so singen soll. — Ich selbst war sehr musikalisch, ja. Und mein Ohr hat sich auf seine Stimme eingerichtet.“
Der Neunzigjährige, seit eineinhalb Jahren verwitwet, ist noch Immer kritisch. Nicht nur seinem Cousin, auch anderem gegenüber, das an sein Ohr dringt. Er schaltet den Kassettenrecorder ein, Fritz Wunderlich singt: „Granada …“
„Schön, was? A bisserl zu hoch is er, ja. A bisserl zu hoch. Aber schön …“