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Dein ist mein ganzes Herz

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von Martha Land, Wiener Wochenausgabe, 24.2.1958

In memoriam Richard Tauber

Er hat zu den ganz Großen, zu den Prominenten gehört, dieser Richard Tauber, der, wenn auch bereits vor zehn Jahren gestorben (am 8. Jänner 1948) immer noch ein Begriff ist. Hat uns doch die Technik der Schallplatte diese eigenartige Stimme mit dem süßen Schmelz, die unverkennbar«! Tauber-Aussprache mit dem rollenden R erhalten. Spricht man den Namen Richard Tauber aus, meint man zu gleicher Zeit die Worte erklingen zu hören: „Dein ist mein ganzes Herz …“

Aber man tut Tauber unrecht, wenn man in Erinnerung an ihn von jener Zeit zu sprechen beginnt, da er den Gipfel des Ruhms, man möchte sagen, der Popularität, dadurch erreicht hat, daß er Operette sang, vorzugsweise die Lehars. Vorher glänzte er an der Wiener Oper als Mozart-Sänger, natürlich auch als Interpret Verdis, Puccinis, Massenets, mit einem Wort, er war der vorbildliche lyrische Tenor, ja man verstieg sich sogar dazu, ihn den deutschen Caruso zu nennen. Und wieder vorher — ja, das ist eine seltsame Geschichte, die einer Karriere, die mit schier unüberwindlich scheinenden Hindernissen begann.

Richard Tauber war in Linz geboren und ist aufgewachsen in deutschen Städten, wo sein Vater, ein bekannter Schauspieler, gerade engagiert war. Der aber wollte absolut nichts davon wissen, daß auch sein Sohn Künstler werde. Der Hartnäckigkeit seines Sprößlings war er jedoch nicht gewachsen, und so stimmte er schließlich zu, daß Richard in Wien seine Stimme prüfen lassen solle. So war er also bei einem Gesangsprofessor angesagt. Richard hat in der Nacht vor der Fahrt nach Wien kein Auge zugetan, so aufgeregt war er. Er hatte allerdings einen Talisman bei sich, von dem er meinte, er Wü^de ihm über alle Fährnisse hinweghelfen. Der Talisman war ein Photo: es zeigte den Jüngling Richard — als Lohengrin. Das Kostüm hatte er dem von ihm hochverehrten Sänger Heusei entwendet — nur für die Zeit, die er brauchte, um mit dem Kostüm zum Photographen zu eilen, auf daß dieser ein Bild von ihm mache. Das Kostüm wurde ebenso heimlich in Heuseis Garderobe zurückgestellt, wie es daraus entwendet worden war. Und Richard hielt glückstrahlend sein Bild als Lohengrin in Händen, ohne zu bemerken, daß es mehr einer lustigen Karikatur ;>ls einer ernstzunehmenden Aufnahme glich.

Dieser Talisman also sollte ihm helfen, die Prüfung zu bestehen. Dennoch packte ihn die Angst, als es so weit war, aber er sang doch, was er aus seiner jungen Kehle heraus-indes nicht, was ibm lag, sondern die GialserzahTung. Das Urteil war niederschmetternd. In einem an Richards Vater geschriebenen Brief stand grausam schwarz auf weiß: „Richard Tauber hat nicht die geringste Chance, Sänger zu werden. Das ist keine Stimme, das ist ein Zwirnsfaden.“

Der Vater, überraschend einsichtsvoll, sagte: „So versuchen wir halt einen anderen Prüfer.“ Und er ließ Richard von dem ersten Dirigenten des Hoftheaters in Wiesbaden, an dem auch er engagiert war, prüfen. Richard legte sich sehr ins Zeug, wieder mit Wagner. Diesmal war es der Siegmund, der ihm zum Erfolg verhelfen sollte. Und dieses zweite Urteil war noch vernichtender. „Aus!“ entschied Vater Tauber. Aber Musik ließ er den Sohn dennoch studieren, bloß singen sollte er um Gottes willen nicht mehr. Richard ließ sich in Frankfurt am Main nieder, besuchte das Konservatorium, und dort wurde zumindest seine große Musikalität erkannt und anerkannt. Bald stand er als Dirigent des Schulorchesters auf dem Podium, und nun endlich hatte er Erfolg. Jetzt fing er zu komponieren an — und zu flirten. Der Flirt artete in eine große Liebe aus. Richards Partnerin war Balletteuse, und alle Leute rund herum, mit Richards Vater an der Spitze, waren entrüstet. Richard wurde ins Exil verbannt: nach Freiburg. Und das war sein Glück. Erst trat diesem Glück in Gestalt einer jungen Dame namens Lilli auf. Nur nebenbei sei bemerkt, daß Richard Tauber diese Lilli nie vergessen hat und ihr über alle seine späteren Ehen hinaus, auch über die sehr glückliche letzte mit Diana Napier, zumindest innerlich treu geblieben ist. Diese Lilli, eine treffliche Pianistin, animierte ihn zum Singen, und so sang er öfter vor einem kleinen Zuhörerkreis. Zu dem einmal Professor Alfred Beiner stieß. Und der hat Richard Taubers wahre Begabung erkannt. Richard vertraute sich ihm an, erzählte von seinen Mißerfolgen in Wien und in Wiesbaden, von seinen Plänen und Studien und sang ihm schließlich extra vor — natürlich wieder den „Lohengrin“. — „Nein, nicht Wagner“, sagte Beiner, , Mozart müssen Sie singen.“

Das also war der Anfang einer glorreichen Karriere. Tauber bewarb sich damals gleich um das Musikreferat bei einer Frankfurter Zeitung. Bezahlung bekam er keine, aber dafür regelmäßig Referatsitze. „Und Sie glauben gar nicht“, sagte er später, „was man beim Zuhören alles lernt.“

Taubers Stimme fand, da sie nun ausgebildet war, seine Abnehmer. Er wurde Opernsänger, war beliebt, ja beinahe schon berühmt, als wieder ein neuer Lebensabschnitt begann: an einem schönen Frühjahrsnachmittag in einem Nobelcafe im Wiener Prater, wo es neben einer guten Kapelle fesche Wienerinnen gab, die sich der Schwerenöter

Tauber immer gerne von der Nähe ansah. Da sprach ihn ein älterer Herr an: „Dos trifft sich ober, doß ich Sie hier träffe, hob sehon in ize Ihre Wohnung schicken wollen.“ Karezag war’s, der da mit Tauber eine Geschäftsverhandlung begann. „Sie, Herr Tauber“, meinte er, „wären ize der Richtige, der Publikum interessiert.“

Tauber war schon im Begriff, Karezag irgend etwas von künstlerischer Sendung zu erzählen, aber er kam gar nicht recht dazu. Und sozusagen Hals über Kopf hatte er einen Gastspielvertrag abgeschlossen: für die Hauptpartie in „Frasquita“. Als das Gastspiel begann, war gerade die miserabelste Theaterzeit, das Theater an der Wien halb leer — aber nur am ersten Abend. Dann rissen sich die Leute um die Karten. Tauber war als Lehär-Sänger entdeckt, und eine ganz neue Karriere begann, die ihn nun erst so recht zum Gipfel der Beliebtheit — und der Einnahmen — emporführte. Und der Reihe nach eroberte er nun auch die Städte — darunter Berlin, wo er einmal katastrophal durchgefallen war — außerhalb des Bereichs, in dem er sich bereits durchgesetzt hatte.

Erinnert man sich noch des tobenden Erfolges, als Tauber in Lehärs „Land des Lächelns“ auftrat? Die Leute konnten sich nicht satthören an Taubers Glanzleistung: „Dein ist mein ganzes Herz …“ Er mußte es an jedem Abend förmlich bis zur Erschöpfung wiederholen.

Richard Tauber wurde dann auch Filmstar. Leider erst zu einer Zeit, da sein Rheumaleiden ihn schon sehr behinderte, und überhaupt der optische Eindruck mit dem akustischen bei weitem nicht Schritt zu halten vermochte. Dennoch, ein Tauber-Film war ein sicherer Erfolg. Tauber gründete dann seine eigene Filmgesellschaft, komponierte sich selbst eine Filmoperette — und mußte die Arbeit, die sich so gut anließ, im Stich lassen. Er emigrierte nach London.

Es war ein weiter Weg, den er zurückgelegt hatte: von Linz nach London. Das Schicksal hatte ihn eine Zeitlang protegiert, ihm aber dann ein trauriges Ende bereitet. Richard Tauber, zu seiner Glanzzeit einer der höchstbezahlten Künstler, hatte alles verloren. Er starb in Elstree bei London in Armut. Man erzählt, daß kurz vor seinem Ende noch eine Operation notwendig geworden war und Marlene Dietrich mit einem großen Dollarbetrag sich eingefunden hatte. Aber die Operation konnte das Leben des erst Siebenundfünfzigjährigen auch nicht mehr retten. Seine Frau, Diana Napier, hat das schwere Ende mitgemacht, war ihm bis zu seinem letzten Seufzer treue Weggefährtin. Und hat dann erzählt, daß er ganz zum Schluß seines Lebens noch einmal den Namen Lilli ausgesprochen hat…

Martha Land