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Das gab ’s nur einmal – Richard Tauber

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Ein frostkalter Winterabend im Jahre 1927. Ueber den spiegelblanken Asphalt der Straße Unter den Linden, der repräsentativen Prachtstraße der Reichshauptstadt, rollt ein extravaganter, riesiger Mercedes-Tourenwagen mit einer schnittigen Silhouette und einem bugartig zulaufenden Kühler. In den zwanziger Jahren erregt ein luxuriöses Auto solcher Ausmaße Aufsehen. Einige Passanten blicken ihm nach und ahnen nicht, daß sich auf einem ledernen Polstersitz das Idol der jungen und nicht mehr jungen Backfische von Berlin zur Staatsoper fahren läßt. Das Idol sitzt, wie fast immer, neben dem Chauffeur.
Als der Fahrer vor dem strahlend erleuchteten Eingang des hellgrauen Hauses hält, um den Wagen herumläuft und die Tür aufreißt, entsteigt ihm über die drei Trittbrettstufen, die auf seinen Wunsch an dem speziell für ihn gebauten Wagen angelegt wurden, ein untersetzter Mann. Auf dem Kopf einen schwarzseidenen Zylinder, um den Körper einen prächtigen, mit Astrachan verbrämten Umhang, in der Rechten einen braunen Ebenholzstock, im Auge das Monokel – so schreitet Richard Tauber, Berlins, Deutschlands zur Zeit berühmtester, gefeiertster, populärster Kammersänger, würdevoll der Tür zu, die sich, von dem draußen wartenden Pförtner flugs geöffnet, vor ihm auftut.
Richard Tauber schreitet durch ein Spaliei von Männern und Frauen, Jünglingen und Mädchen, unter denen die Evastöchter die Mehrzahl bilden, sie winken, sie rufen ihm zu. sie lachen in freudiger Erregung, die jungen Berlinerinnen, und ihr Abgott lacht zurück und zieht den Zylinder (manchmal winkt er auch mit dem Stock zurück). Er ist alles andere als ein schöner Mann, der so respektvoll und sein Gesicht ist breit und seine Nase ist stumpf und sein Mund nicht ebenmäßig.
Dieses Aeußere paßt nicht gut zu dem sein Liebesleid klagenden fernöstlichen Märchenprinzen im „Land des Lächelns“, in dem der Sohn der oberösterreichischen Stadt Linz nun singt. Indessen, die Zauberkraft seiner Tenorstimme, seine Haltung und seine Art, sich zu bewegen, seine charmanten Gesten lassen die Menschen im Parkett und auf den Rängen und in den Logen die Mängel seiner Erscheinung vergessen (wie einst die an der Figur des weltberühmten Caruso, der an der gleichen Stelle wie Tauber vor dem ersten Weltkrieg sang).
Schon lange vor diesem Abend in der Staatsoper, die, es kommt selten vor, ihre Tore auch einem Operettenfürsten und seinem ist das „Tanuberlied“ geboren worden. Das Tauberlied, geschaffen von Franz Lehár, dem Schöpfer der „Lustigen Witwe“, des „Zarewitsch“, des „Grafen von Luxemburg“ und nun des „Land des Lächelns“. Der Komponist hatte es im Frühling 1922 geboren, als er nach einer Aufführung von „Frasquita“ im Theater an der Wien mit seinem Landsmann Richard Tauber zusammentraf und der Sänger, der bisher nur in Opern gesungen hatte, ihn bat, in einer Lehár-Operette seine Stimme hören lassen zu dürfen. „Tauber spürte wohl in der einschmeichelnden Süße der Musik von Lehár ein seinem eigenen musikalischen Temperament zutiefst Verwandtes“, schrieb der Tauberverehrer Hans H. Fantel, der lange in Wien lebte und den Sänger oft hörte, in einer amerikanischen Zeitung.
Seitdem schnitt Lehár den Stil seiner Kompositionen außerordentlich geschickt und mit triumphalem Erfolg auf die Stimme Taubers zu und auf seine liebenswürdige Art, sich auf der Bühne zu geben. Und so riß der Operntenor Tauber als Operettensänger in Berlin und in Wien die Menschen in den Theatern zu nicht enden wollenden Ovationen hin, wenn er „Dein ist mein ganzes Herz“ in „Land des Lächelns“ und „O Mädchen, mein Mädchen, wie lieb‘ ich dich“ aus „Friederike“ sang, so verzauberte er sie an ihren Radioapparaten, so eroberte er sich die Berliner und Berlinerinnen.
Und dann haben die Braunen ihn vertrieben, weil er, der Katholik, jüdische Vorfahren hatte. Sie haben ihm sein erarbeitetes Vermögen auf den deutschen Banken und nachher auch in Wien gestohlen, sie haben seine Schallplatten verboten und ihm 1938 sein Heimatland genommen, in das sie einmarschierten, als er gerade in Italien weilte. Richard Tauber hat die Trennung von Berlin, von Deutschland, von Oesterreich nie ganz verwinden können. aber er hat seinen Ruhm weiterhin, bis fast and das Ende der vierziger Jahre, bis an sein eigenes Ende durch die Welt getragen. Er hat in London, in New York, in Los Angeles, in Sydney und Johannisburg gesungen und zuletzt, am 27. September 1947, noch einmal in der Wiener Staatsoper.
Zum letzten Male verzauberte er die Menschen im „Don Giovanni“. Da war er schon vom Tode gezeichnet. Aber er wußte das nicht. Er ahnte nicht, daß Krebs seine Lunge zerfraß, daß am Don-Giovanni-Abend ein Lungenflügel beinahe zerstört war. Am 2. Oktober mußte er sich in ein Krankenhausbett legen, in dem er noch im Dezember Pläne für künftige Konzertreisen entwarf. Am 8. Januar 1948 trat der Sänger vom „Land des Lächelns“ die Reise in das Land des Todes an. Er war nur 56 Jahre alt geworden.