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Comeback einer Stimme

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Die romantische Welle bringt es an den Tag: Das Leben Richard Taubers war die Romantik selber. Kein Wunder, dafe Richard Tauber wieder in Mode kommt.
Er spielte seine Rollen in einer Zeit, in der die Not herrschte und politische Unsicherheit jeden Tag einen Krieg bescheren konnte.
Der Glanz, der durch den Untergang der Monarchie vergessen schien, wurde von ihm, stellvertretend für eine Epoche, wiedererweckt.
Wenn er mit seinem riesigen, offenen Mercedes, neben dem Fahrer sitzend, ins Theater fuhr, dann schienen die Uhren stehengeblieben zu sein. Ein Monokel ins rechte Auge geklemmt, einen Zylinder auf dem Kopf, grüble er seine Anhänger durch das Heben eines Ebenholzstockes.
Richard Tauber genoß sein Leben. Er speiste fünfmal am Tag.
Und über die Liebe sang er nicht nur betörende Arien ä la »Dein ist mein ganzes Herz<. Doch wenn er sich >ewig< binden wollte, hatte Richard Tauber seine liebe Not.
Die zauberhafte Blondine Carlotta Vancotti, eine extravagante Operettensängerin, war zwar eine gebürtige Hamburgerin, aber mit einem italienischen Grafen verheiratet. Carlotta konnte sich von dem Grafen erst scheiden lassen, nachdem sie zum Schein ungarische Staatsbürgerin geworden war. Richard Tauber kostete diese Manipulation ein Vermögen.
Doch noch viel teurer wurde für ihn die Heirat mit der englischen Schauspielerin Diana Napier. Denn Carlotta gab den Star nicht unterm Wert frei: 1928 verlangte sie 150 000 Reichsmark Ablösesumme, eine Zehnzimmerwohnung, ein schnittiges Auto und reichen Schmuck. Dazu noch eine respektable Rente.
Richard Tauber konnte es sich leisten. Denn er, der uneheliche Sohn einer nicht mehr ganz jungen Soubrette, >derert Charme und Lebenslust sich der 14 Jahre jüngere Schauspieler Richard A. Tauber nicht verschliefeen konnte«, wie es in der Tauber-Biographie von Willi Korb heifet, verdiente ein Vermögen.
In winzigen Hotelzimmern war Richard Tauber aufgewachsen, weil er seiner Mutter in mittelmä&i-ge Engagements in die Provinz folgen mu&te. In exzentrischen Hotelappartements feierte er vierzig Jahre später in der ganzen Welt seine Triumphe als Sänger. Doch nicht allein den Jubel erlebte Richard Tauber. Seiner Stimme konnte zwar niemand was anhaben – der Politik blieb es vorbehalten, ihn zutiefst zu demütigen. Als jüdischer Verderber germanischer Reinheit und als Kulturbolschewist wurde er beschimpft und sein Eigentum konfisziert. Die Rückkehr in die geliebte Heimat wurde ihm verwehrt. Fast hätte ihn noch im Krieg ein >Bote< aus Deutschland »heimgeholt«. Während eines Konzerts in London schlug in unmittelbarer Nähe eine V-2-Rakete ein. Richard Tauber, mit jener Ruhe, die ihn zum Weltmann stempelte, sagte nur: »Das war die falsche Tonart.«
Ein paar Jahre später, 1947, spielte man doch noch einmal eine >Tonart«, die ihn mit der Heimat verband. Bei einem Gastspiel der Wiener Staatsoper in London sprang Richard Tauber für den plötzlich erkrankten Anton Dermota ein. Noch einmal konnte er so für Wien singen.
Der Abend wurde ein gro&er Triumph. Für Richard Tauber und die Welt war es ein Abschied. Zum letzten Mal hatte er gesungen. Wenige Tage später kam er ins Spital. Anfang 1948 starb er. Richard Tauber hatte alles gesungen, was zu seiner sinnlichschmelzenden Stimme pa&te. Aber »sein« Lied war: „Dein ist mein ganzes Herz“. Er selbst schätzte, daß er es 10 000 Mal gesungen hatte.
Wenige Tage nach seinem Tod wurde in der Londoner Albert-Hall ein Tauber-Gedächtnis-Konzert veranstaltet. Zum Schluß sangen siebentausend Menschen dieses berühmteste aller Tauber-Lieder.

Werner Urbanek