Einträge: Beiträge | Kommentare

Bericht eines Bewunderers

Keine Kommentare


aus Reader’s Digest 1967

Bericht eines Bewunderers über die Romanze zwischen einem vergötterten Wiener Tenor der Stadt seiner Träume
Von Hans H. Fantel

Richard Tauber – ein Star und eine Stimme

Hauptattraktion der Straße in Wien, in der ich in den dreißiger Jahren lebte, war — zumindest für uns junge Burschen — der riesige Mercedes-Tourenwagen, der meist unweit unseres Hauses stand. Mit seiner schnittigen Silhouette und dem bugartig zulaufenden Kühler nahm sich das hochbordige Fahrzeug aus wie ein Schiff, das vom Kurs abgekommen und zwischen den Kastanien und Stuckvillen des Wiener Gartenviertels Hietzing gestrandet war. Noch mehr aber als der extravagante Wagen reizte meine jugendliche Neugier, daß er einem prominenten Nachbarn, Wiens gefeiertem Idol, dem Tenor Richard Tauber, gehörte.

Oft trödelte ich am späten Nachmittag in der Nähe seiner Pforte herum und tat, als reparierte ich mein Fahrrad. In Wirklichkeit wollte ich nur seine Abfahrt zum Theater miterleben. Es war ein Schauspiel, auf das zu warten sich lohnte. Das Monokel ins Auge geklemmt, auf dem Kopf einen schwarzscidenen Zylinder, um die Schultern einen prachtvoll mit Astrachan verbrämten Umhang, in der Hand einen glänzenden Ebenholzstock, so stieg Tauber wie ein siegreicher Admiral, der an Bord seines Flaggschiffs geht, die drei Trittbrettstufen des speziell für ihn gebauten Wagens empor. Er ließ sich neben dem Fahrer nieder, und ab ging’s mit zurückgeschlagenem Verdeck. Unterwegs wurde er von allen Seiten herzlich gegrüßt, und er grüßte zurück, indem er den Zylinder zog oder vergnügt mit dem Stock winkte. Selbst die Wiener Polizisten gehörten zu seinen Verehrern; rasch machten sie die Kreuzungen frei, wenn er wie ein ungekrönter König nahte.

Die Huldigungen der Bevölkerung

Hans H. Fantel hat seine HeimatstadtWien 1939 verlassen und ist seit über zwanzig Jahren Bürger der Vereinigten Staaten. In seinejn Herzen aber wird er immer Wiener bleiben.
und der chevalereskc Dank Taubers waren-Ausdruck einer tiefgehenden, beiderseitigen Liebe zwischen dem Sänger und seiner Stadt — einer Zuneigung, die ihren Ursprung zu etwa gleichen Teilen in der Wiener Musik und in der politischen Lage dieser glücklosen Zeit hatte. In der farblosen Epoche nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie glich Wien einer verarmten Baronin, die sich trotz ihrer Armut mit dem ererbten Schmuck behängt, und der Mann auf der Straße sah in Tauber ein Nachbild des verblassenden Traums vom aristokratischen Leben mit Abenden in Frack und weißer Binde, Einladungen auf dieses oder jenes Schloß, der sportlichen Nonchalance teurer offener Automobile. Das Kaiserreich war dahin, Wien zur fadenscheinigen Hauptstadt eines hinfälligen Rumpfstaates herabgesunken; der sichtbare Glanz eines Richard Tauber aber belebte noch einmal das verlorene Bild von Sorglosigkeit und Eleganz.
Kein schöner Mann. Gewisse Aspekte dieser Vergötterung müssen dabei allerdings wundernehmen. Eine fast krankhaft auf äußere Schönheit eingeschworene Stadt hatte einen alles andere als schönen Mann zu ihrem Helden erkoren. Seine untersetzte Figur verriet, wie sehr er an dem Wiener Brauch hing^ fünfmal täglich zu essen. Sein breites Gesicht mit der stumpfen Nase wollte zu einem Märchenprinzen schlecht passen, und die Asymmetrie seines Mundes, die sich beim Singen noch verstärkte, veranlaßte Kaffeehauswitzbolde zu der Behauptung, um Taubers Stimme zu genießen, müsse man von seinem Gesicht wegblicken.
Aber seine Haltung und seine Art, sich zu geben, ließen das Publikum das alles vergessen. Mit einer einzigen Geste konnte er demonstrieren, daß Leichtigkeit und Grazie dem Menschen innewohnen und durch nichts zu besiegen sind. Die gleiche Zauberkraft war seiner Stimme eigen. Seine legere, elegante Phrasierung ließ die Traumwelt der Wiener Operette, in der immer Champagner schäumte und die Liebe triumphierte, irgendwie glaubwürdig erscheinen.
Tauber war 1892 in Linz in Oberösterreich geboren. Als Sohn eines Schauspielers drängte es ihn zur Bühne, und die frühe Entdeckung seiner großartigen Stimme führte ihn zwangsläufig zur Oper. Uber verschiedene deutsche und österreichische Theater gelangte er schnell nach oben, und Anfang der zwanziger Jahre hatte er den Gipfel erreicht: die Bühnen der Staatsopern von Wien und Berlin.
Doch auch im musikbegeisterten Österreich wird ein erstklassiger Sänger noch nicht automatisch zu einem nationalen Idol. Erst ein besonderes Ereignis hat Tauber über die Grenzen des Opernruhms hinausgeführt.
Im Jahre 1922 ging er eines Abends insTheatcr an der Wien, ein Schmuckkästchen in Elfenbein und Gold, das einst die Uraufführung von Beethovens Fidelio erlebt hatte, später aber zum Mittelpunkt der Wiener Operette geworden war. Es gab Lehars Frasquita, und Tauber war begeistert. In der einschmeichelnden Süße der Leharschen Melodien spürte er etwas dem eigenen musikalischen Temperament zutiefst Verwandtes. Der Komponist fiel aus allen Wolken, als ihn Tauber, der gefeierte Operntenor, bei einem Zusammentreffen bat, in einer Leharoperette singen zu dürfen.
Das „Tauberlied“. Das Zusammentreffen war auch für Lehar ein Wendepunkt. Er hatte schon 1905 mit der Lustigen Witwe Weltruhm erlangt, doch war seinen späteren Werken internationaler Erfolg versagt geblieben. Nun wurde seine Schöpferkraft durch Tauber verjüngt. Erfüllt von der neuen Aufgabe, entwickelte er einen Kompositionsstil, der sorgfältig auf Taubers leuchtende Stimme und seine liebenswürdig-distinguierte Art zugeschnitten war. Ein neues musikalisches Genre war geboren: das „Tauberlied“.
Der tönende Lehär-Taubersche Champagner betörte die Menschen nun weit über den Bereich der Bühne hinaus. Ein paar Jahre vorher war die elektrische Tonwiedergabe in Gebrauch gekommen, und Tauber wurde durch die Schallplatte allgegenwärtig. Seine Stimme drang aus den Lautsprechern in den Heurigengärten, wo die Wiener bis in die Nacht den neuen Wein probierten. In einer Straße mit dicht beieinander liegenden Kaffeehäusern habe ich einmal drei Tauberplatten auf einmal gehört: drei verschiedene Lehärlieder in drei verschiedenen Tonarten aus drei verschiedenen Cafes.
Aus der Musik, dieLehar für Tauber schrieb, sprach eine Art Verliebtheit, die im volkstümlichen Lied bis dahin unbekannt gewesen war. Lebensfrohe Melodien verbanden sich in ihr mit düsteren Mollkadenzen, denn wovon sie sang, war nicht der Liebe Jugendtraum, sondern die Ambivalenz reifer Gefühle: eine durchaus unnaive Sehnsucht, hoffnungsvoll trotz Enttäuschungen, mit einem Quentchen Schwermut durchtränkt. Die meisten dieser Lieder sind über den deutschen Sprachraum kaum hinausgelangt. Einige der weniger melancholischen aber haben die Welt erobert: „Gern hab‘ ich die Frau’n geküßt“ aus Paganini etwa, „Dein ist mein ganzes Herz“ aus dem Land des Lächelns, „O Mädchen, mein Mädchen“ aus Friederike und „Du bist meine Sonne“ aus Giuditta. Mutige Tenöre, die den Vergleich mit Tauber nicht scheuen, singen sie noch heute als Zugaben.
Das Ende romantischer Illusionen. Lehárs letztes Werk, Ginditta, wurde 1934 an der Wiener Staatsoper uraufgeführt. Richard Tauber und Jarmila Novotna, eine junge Sopranistin, die bald internationalen Ruhm erlangen sollte, sangen die Hauptrollen. Es war einer der letzten großen Abende, an denen sich das ganze erinnerungs-überglänzte Gepränge entfaltete, das Wien noch aufzubieten vermochte — ein Abend, der mir als Grenzscheide zwischen zwei Zeitaltern im Gedächtnis geblieben ist. Befrackte Herren von Rang und Namen und diademge-schmtickte Damen in atemberaubenden Toiletten kamen in Luxusauto-mobilen an, die von livrierten Chauffeuren gesteuert wurden. Aber die primitiven, kästchenartigen Mikrophone, die über der Bühne hingen und halb Europa an der Aufführung teilhaben ließen, kündigten bereits eine neue Zeit an. Nur wenige mögen es damals geahnt haben, aber die Sender, über die Taubers Stimme an diesem Abend ein Publikum von noch nicht dagewesener Größe erreichte, sollten bald eine rauhere Stimme in die Häuser tragen, und diese Stimme sollte den Sänger und seine Stadt auseinanderbringen und den romantischen Illusionen, die Wien in seiner Vergangenheit leben ließen, ein Ende machen.
Daß Hitler Europa bis zur politischen Lähmung zu faszinieren vermochte, war in hohem Maße dem Medium des Rundfunks zuzuschreiben. Tauber war nie etwas anderes als Katholik gewesen, doch hatte er einige jüdische Vorfahren. Und in Deutschland, wo er fast ebenso populär gewesen war wie in Österreich, wurde er als „jüdischer Verderber germanischer Reinheit“ und als „Kul-turbolschewist“ beschimpft. Seine Guthaben bei deutschen Banken wurden beschlagnahmt.
Tauber war gerade in Italien, als die Nazis in Österreich einmarschierten. In Wien konfiszierten die neuen Machthaber sein restliches Eigentum. Seine Schallplatten wurden verboten. Tauber ist über den Verlust des Landes, dessen Geist so tief in seine Kunst eingegangen war, nie ganz hinweggekommen, aber äußerlich setzte sich sein Erfolg fort. Er reiste mehr denn je, sang in London, New York und
Los Angeles so gut wie in Südafrika und Australien. Die New Yorker Carnegie Hall war ausverkauft, als er einen Liederabend gab, und Präsident Roosevelt lud ihn zu einem Konzert im Weißen Haus ein.
Ironische Gelassenheit. Auch im Exil verlor Tauber nie jene heiter-ironische Gelassenheit, die so wienerisch ist wie die Witze in der Fledermaus. Als einmal eine der aufs Geratewohl abgefeuerten deutschen V-Waffen in London dicht neben dem Theater einschlug, in dem er gerade sang, beruhigte er das Publikum mit der trockenen Bemerkung „Das war eine falsche Tonart!“ und sang, wo er aufgehört hatte, weiter.
Mit dem gleichen Mut kämpfte er gegen den Verfall seiner Gesundheit an. Im Jahre 1946 mußte er wegen eines hartnäckigen Katarrhs seine Rolle im Land des Lächelns zurückgeben. Eine Röntgenuntersuchung ergab später, daß er Krebs hatte und daß der eine Lungenflügel fast völlig zerstört war. Aus Furcht, die Wahrheit könne eine seelische Katastrophe auslösen, sagten seine Frau und die Ärzte ihm, er müsse sich wegen eines Abszesses operieren lassen.
Kurz vor der Operation gab die Wiener Staatsoper, kaum daß sie nach dem Krieg wieder zu spielen begonnen hatte, ihr erstes Gastspiel in London. Tauber wurde eingeladen, im Kreis der alten Wiener Kollegen seine Glanzrolle, den Don Ottavio in Don Giovanni, wieder zu übernehmen. Die Ärzte protestierten, aber Tauber blieb fest: „Ich muß und werde in dieser Vorstellung singen. Danach könnt ihr mit mir machen, was ihr wollt.“
Finale. Und so erlebte London am 27. September 1947 eine Don-Gio-txmni-Aufführung, die mittlerweile Legende geworden ist. „Denen, die Richards wahren Zustand kannten, wird sie immer ein Wunder bleiben“, hat Taubers Frau später gesagt. „Selbstsicher trat er auf die Bühne hinaus und verzauberte mit den ersten, in vollendetem Legato gesungenen Noten ein Publikum, das von der bevorstehenden Tragödie nicht das mindeste ahnte. Niemand kann die unglaubliche Willenskraft ermessen, die es ihn gekostet hat, die Vorstellung durchzustehen. Sein Vortrag war mühelos, die Phrasicrung ohne Tadel — kurz, er zeigte sich von seiner besten Seite.“ Einen Abend lang waren, so schien es, der Sänger und seine Stadt wieder vereint.
Fünf Tage später kam Tauber ins Krankenhaus. Bezeichnend ist, daß er in den letzten Wochen seines Lebens Pläne für ausgedehnte Konzertreisen schmiedete. Am 8. Januar 1948 ist er, nachdem er seiner Frau versichert hatte, er fühle sich viel besser, im Schlaf gestorben.
Fast dreißig Jahre sind jetzt vergangen, seit Tauber zum letztenmal in Wien gesungen hat, aber seine Schallplatten haben dort noch immer etwas eigentümlich Bannendes, auch für junge Menschen, die ihn selbst nicht mehr erlebt haben. Noch immer gehören Tauber und die Stadt, deren heitere und sinnenfreudige Art er mit soviel Vitalität und Kunst verbreitet hat, zusammen. Die Lieder, die Lehar für ihn geschrieben hat, erfüllen die Wiener Luft noch immer mit ihrem Schmelz, und aus den Schaufenstern der Schallplattengeschäfte an der Kärntnerstraße und am Graben grüßt die Wiener wie einst Taubers Bild mit dem burschikosen und unbezähmbaren Lächeln, an das ich mich so gut erinnere.