Einträge: Beiträge | Kommentare

Aus Ihnen wird nie ein Sänger

Keine Kommentare


aus „Neues Österreich“, Donnerstag, 22. Mai 1952

„Aus Ihnen wird nie ein Sänger“

Am 17. Mai wurde an der „Tauber-Villa“ in Bad Ischl eine Erinnerungstafel für den unvergeßlichen Sänger Richard Tauber enthüllt, am folgenden Tage gedachte die Stadt Linz ihres berühmten Sohnes. Den nachstehenden Artikel stellt uns Max Tauber, ein Vetter und zugleich Impresaria des Künstlers, zur Verfügung. Darin werden einige weniger bekannte Episoden aus dem an Erfolgen, aber auch an Enttäuschungen reichen Leben des Unvergeßlichen, vor allem von seinem Beginn in Wien.
Am 8. Jänner 1948 um 4,30 Uhr früh ist Richard Tauber nach einer Operation in einem Londoner Spital an Lungenkrebs gestorben. Bei vielen Millionen Menschen in allen Erdteilen hinterließ er eine dankbare Erinnerung an das einzigartige Timbre seiner einschmeichelnden Tenorstimme und an seine geradezu brillante Gesangstechnik. Der materielle Wert seiner Hinterlassenschaft war — wenn man von den beträchtlichen Schulden, verursacht durch seine lange Krankheit absieht — unbeträchtlich.
Auch das physisch erfaßbare künstlerische Erbe ist durch eine besondere Konstellation schwer verwertbar. Wohl hat Richard Tauber im Laufe seines Lebens Hunderte von Schallplatten besungen. Da er aber 6eit 1933 aus Deutschland und bald darauf auch aus Österreich vertrieben wurde — als ej- starb, war London sein eigentlicher fester Wohnort und er selbst englischer Staatsbürger geworden —, blieben diie Matrizen der Berliner Schallplattengesellschaft späterhin ungenützt; sie sind inzwischen durch Kriegseinwirkung teilweise vernichtet, teilweise beschädigt worden. Auch die „Tauber-Ton-Gesellschaft Berlin“, die fünf Richard-Tauber-Filme produziert hat, wie „Ich glaube nie mehr an eine Frau“, „Das lockende Ziel“, „Große Attraktion“, „Melodie der Liebe“ und schließlich „Land des Lächelns“, hat sich längst aufgelöst.
Für den jungen Richard Tauber waren Prag und Berlin die ersten großen Stationen auf seinem Weg zum Ruhm. 1903 kommt er an das Wiesbadener Theater, das allgemein als die Versuchsbühne Kaiser Wilhelms II. galt, an der sich der Imperator, getarnt durch seinen Intendanten Graf von Hülsen, auch als Regisseur versuchte. An dieser Bühne hat Richard Tauber zwei tief wurzelnde künstlerische Erlebnisse, die ihn seine künftige Laufbahn schicksalhaft erkennen lassen: den Sänger Hermann Jadlowka und später ein Gastspiel Enrico Carusos.
Aber das Schicksal macht Schwierigkeiten. Wohl hat der Vater Richards, der spätere Intendant in Chemnitz, nichts dagegen, daß sein Sohn Sänger wird. Er läßt ihn sofort beim Korrepetitor der Wiesbadener Oper „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ aus Wagners „Walküre“ studieren und schickt ihn dann mit einem Empfehlungsschreiben an die Hofoper nach Wien, wo ein intimer Freund Taubers sen., Kammersänger Demuth, den jungen Richard auf seine Eignung zum Opernsänger prüfen soll.
Das Urteil Demuths ist vernichtend. „Schlagen Sie sich aus dem Kopf, je Sänger zu werden!“ und an den Freund, den Vater Tauber-„Das ist ein Zwirnsfaden und keine Stimm‘; -Das geradezu verzweifelte Festhalten Richard an seinem Lebensziel macht aber doch Eindruck auf den Vater. Er ließ die Stimme vom damaligen Musikdirektor der Wiesbadenet Oper, Professor Schlaar, einem gebürtigen Wiener, noch einmal überprüfen. „So a Stimm‘ hab‘ i aa!“ erklärte Professor Schlaar in breitestem Wienerisch.
Nach einem Zwischenspiel in Frankfurt am Main lernt Richard Tauber in Freiburg den tüchtigen Gesangspädagogen Professor Carl Beines kennen, der heute noch hochbetaat in Westdeutschland lebt. Beines erkennt die ungeahnten Qualitäten, die in der bereits arg mißhandelten Stimme Richard Taubers stecken, und macht aus ihm innerhalb von zwei allerdings intensiven Lehrjahren den Mozart-Sänger.
1913 wird Richard Tauber mit einem fünfjährigen Vertrag an die Königlich Sächsische Hofoper in Dresden verpflichtet. 1918 will der junge Künstler den Sprung nach Berlin wagen. Er gastiert und fällt nach Strich und Faden durch.
Da springt sein Vetter Max Tauber als „deus ex machina“ ein. Richard Tauber bezeichnet ihn in seinen Memoiren als musikalisch völlig unvoreingenommen, als einen richtigen „Sport-Trottel“. Diesen Ehrennamen trug Max Tauber mit Stolz, war er doch Mitglied jener österreichischen Nationalmannschaft im Eishockey, die 1920 in Garmisch-Partenkirchen zu Olympia-Ehren gekommen war.
Max Tauber arrangierte miit dem damaligen Direktor der Volksoper in Wien, Felix Weingartner, ein alternierendes Gastspiel In den Abendvorstellungen sollte Michelo Fleta den Don José in „Carmen“ singen, in den Nachmittagsvorstellungen Richard Tauber. Als Max Tauber Direktor Weingartner den Berliner Durchfall Richards schonend umschreiben wollte, klopfte Weingartner dem wackeren Sportler lachend auf die Schulter: „Ja, glaubst du denn, wir Wiener Direktoren lesen keine Berliner Zeitungen? Aber ich versuch’s trotzdem!“
Richard Tauber sang an der Wiener Volksoper. In den Abendvorstellungen erzwang das Publikum von Fleta beinahe die Wiederholung der Blumenarie, Richard Tauber mußte sie in der Nachmittagsvorstellung aber tatsächlich wiederholen. Schalk wurde auf den jungen Tenor aufmerksam, und als Alfred Piccaver wieder einmal unvorhergeseheneir-maßen absagen mußte, sang Richard Tauiber in der Wiener Staatsoper den Rudolf in der „Bohème“. Nach der Verstellung unterfertigte er den von Direktor Schalk sofort ausgestellten Jahresvertrag an die Wiener Staatsoper.
Somit wäre Richard Tauber vielleicht der beste Mozart-Sänger der Welt geworden, wenn — ja wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär‘. Dieses „Wenn“ näherte sich dem jungen Mitglied der Wiener Hofoper an einem schönen Frühjahrsnachmittag 1924 am Konstantinhügel im Prater in der wohlbeleibten Gestalt des damaligen Direktors des Theaters an der Wien, Wilhelm Karczag, der sofort in medial res ging. „Schaun Sie, der Lehâr und ich“, klagte Karczag, „sind doch auf ,Hopp oder Tropp‘ miteinander verbandelt, aber die Leut“ wollen nicht mehr in seine Operetten gehn. Dos kommt vielleicht doher, daß sich der Lehar plötzlich einbildet, er muß so wie der Puccini schreiben — opern-haft. Denk‘ ich mir, zieht der Lehâr nicht mehr, muß ich einen Sänger finden, der wos erstens opernhaft singen kann und zwaitens, der wos mehr zieht als izé Musik!“
„Ich müßte erst mit Schalk reden“, stammelte Richard Tauber.
„Was bieten Sie?“ fragte Richards Manager.
„Fünfhundert pro Abend“, antwortete Karczag. Einige Minuten später war der Vertrag zwischen Karczag und Tauber perfekt. In der Oper tausend im Monat, bei Karczag fünfhundert an einem Abend! Schalk bewilligte das Gastspiel, nachdem Karczag ihn persönlich darum gebeten halte.
„Sie hätten Karczag gar nicht an sich heranlassen sollen. Ihre Opernkarriere ist futsch, n i e wieder werden Sie an der Staatsoper singen könnenl“ rief Schalk erregt.
Seine Prophezeiung erfüllte sich nicht. Wohl wurde Richard Tauber in der großen Welt zum Lehär-Sänger und nicht zum Mozart-Sänger, aber viele Jahre später erlebte er die Genugtuung, mit Lehärs „Giuditta“ einen künstlerisch triumphalen Einzug in die Wiener Staatsoper halten zu dürfen. Taubers weiterer Lebensweg ist allbekannt. Er blieb der große Lehär-Sänger, war aber auch weiterhin der Mozart-Sänger von Format. Die New-Yorker Metropolitan Opera ließ kürzlich das überlebensgroße Porträt des Unvergessenen in Ihre Eherengalerie zwischen die Bilder Carusos und Giglis hängen.